1. September 2007

»Vom Leben am Rande zu neuem Ansehen«

Filed under: Vorträge — Walter Ackers @ 20:00

Es war dieser kleine Kirchturm, der über die Dächer schaute – sehr irdisch, etwas gedrungen, kräftig wie der Schnabel eines Kirschkernbeißers. Wie ein Vogel im Nest hockt St. Michaelis zwischen den Häusern – ein paar Grundstücke haben sie wohl damals ausgespart, damit Michael darin Platz findet.


Dieses Viertel habe ich erst auf den zweiten Blick entdeckt, nachdem ich längst die weithin sichtbaren Stadtkirchen aufgesucht hatte. St. Katharinen, Andreas und Martinikirche, die mit ihren Doppeltürmen das Stadtbild beherrschen und dem herzoglichen Dom zeigen, welche Kraft aus bürgerschaftlichem Zusammenhalt erwachsen kann.


Neugierig gemacht haben mich die Reste der mittelalterlichen Stadtmauer am Südrand, wo ein paar Fachwerkhäuser den Ausbruch gewagt haben und geradezu lichthungrig auf den Gieseler Wall drängen – rote Ziegeldächer, die sich übereinander staffeln, überragt von der Schule aus dem 19. Jahrhundert, die in ihrem neogotischen Treppengiebel das Bild des Mittelalters vervollständigt.


Und viel verheißend das prachtvolle Haus zur Hanse und der „Michaelishof“, dieser summende Bienenstock, in dem es von Fahrrädern und Studentinnen und Studenten nur so wimmelt. Das weckt Interesse. Über diese gewaltigen Fachwerkbauten wird die Geschichte der Stadt spürbar. Güldenstraße. Hier muss Reichtum geherrscht haben, der so gar nicht zu den kleinen und einfacheren Häusern der Echternstraße passt. Und wenn wir heute dieses Ensemble als Teil des Michaelisviertels sehen, so wohl nur deshalb, weil Krieg und Stadtplanung diese Goldene Straße aufgebrochen und dem Verkehr und der Einkaufsstadt zum Opfer dargebracht haben. Damals waren das sicherlich zwei Welten. Hier die reichen Patrizier, die in der Martinikirche ihren festen Platz hatten und zu städtischem Ansehen gekommen waren – und dort die kleinen Ackerbürger, Handwerker und Tagelöhner, die hier wenig beachtet am Rand hinter der Stadtmauer lebten.



Doch zuerst muss ich das kleine Quartier für mich entdecken. Die flach stehende Nachmittagssonne formt aus dem Prinzenweg eine lichtgefüllte Gasse, bringt flirrenden Glanz auf das bunte, grobe Pflaster. Anfang der Neunziger bemühte sich dort links vor der Einmündung der Echternstraße noch ein kleiner Laden mit anspruchsvollem skandinavischem Design – er hat den Platz geräumt für einen kleinen portugiesischen Laden. Das Fremde findet hier schon immer seinen Platz. Aber Luxus verträgt sich offensichtlich nicht mit St. Michael – . Nebenan die Klempnerei Kabel – heute Heizung und Sanitär – ist seit Generationen hier ansässig.


Das Schulhaus, die „dritte mittlere Bürgerschule“ der Stadt von 1873, beherrscht den Raum und vergoldet mit seinen gelben Klinkern das Licht. Die Architektur in ihrer Strenge und Klarheit scheint eine wirkungsvolle Unterstützung für die Lehrer, ihren Schülern Achtung und Haltung abzuverlangen – aber auch Gefühl und Sinn für das Schöne, denn liebevoll sind die Fensterbögen ausgemalt mit Ornamenten, die Gesimse kunstvoll gemauert und Maß und Proportion bis auf den letzten Ziegelstein bedacht.


Der Weg führt über die Brücke ins Dunkel des Grüns – oder ins Dunkel der Geschichte. Denn hier ging es zum Michaelistor hinaus aufs Land, hier stand auch das Haus des Kuhhirten, wie ich in Jürgen Hodemachers Buch „Braunschweigs Straßen“ lese, das mir noch soviel anderes Wissenswertes vermittelt.


Ich schaue hinunter. Unter der Brücke – Vorsicht Radfahrer – ein kleines Gewässer, dessen Namen ich erst später lerne – der Stadtmühlengraben. Wie viele Kinder hier ihre ersten Abenteuer erlebt und nasse Füße und Hosen bekommen haben müssen. Als ich im letzten Jahr dann den unterirdischen Gang zum romantischen Wehrturm entdeckte, wurde mir klar, welch Paradies das hier war. Jeder Spielplatz ist dagegen nur langweilig. Hier konnte man am Originalschauplatz als Ritter kämpfen, statt mit Lego-Burgen Ritterspiele nachzustellen. Ich bin sicher, dass es hier eine große, heimliche Stadtgeschichte der Kinder gibt.


Die Echternstraße ist wirkliche eine Überraschung. Hier scheint die Zeit stehen geblieben, wären da nicht die Autos. Trotz der vielen Epochen, vom späten Mittelalter über Barock bis in das 19. Jahrhundert, die hier sichtbar mitgewirkt haben, ergibt sich ein geschlossenes, im Raumcharakter immer noch mittelalterlich anmutendes Straßenbild. Allenfalls im Magniviertel finden wir ähnliches – oder in der Bruchstraße, die wir aber so obszön durch eiserne Tore von der neobürgerlichen Welt abgesondert haben. Was schützen wir dort damit? Unseren guten Ruf oder unseren schlechten Geschmack? Im Michaelisviertel waren Ruf und Geschmack noch ungeteilt. Damals. Man hatte ohnehin kein Ansehen. Also hatte man auch keinen Ruf. Und erst recht keinen Geschmack zu haben. Man aß, was man erreichen konnte oder was übrig blieb. Und die Huren und der Henker lebten ohnehin in der Straße. „Am Südende der Echternstraße“, so lese ich, „lag das ‚Rothe Kloster‘, in dem die ‚gemein offenbaren Weiber‘ wohnten“. Lust und Tod wohnen dicht beieinander – und Glaube und Trost gleich nebenan: Ein paar Schritte waren es nur bis zum Beginenhaus, dem Heim für allein stehende, ehrbare Frauen.


Welch ein schönes Eckchen in der Stadt. Rechts leuchtet schwarzweißes Fachwerk in der Abendsonne. Große Fenster, hohe Geschosse, 1883 – wie ich der Denkmaltopographie entnehme. Fast die ganze Straßenseite stammt aus diesen Jahren, als hier neue Miethäuser gebaut wurden – die bis heute ihre Qualität beweisen. Manche haben neue Liebhaber gefunden, die diese Ruhe hier zu schätzen wissen. Man sieht es den Fassaden an. Liebevoll sind Kletterrosen hochgezogen worden, Blumenkästen zur Straße. Tägliche Pflege für die Allgemeinheit.


Hundert Meter weiter schließt sich der Raum, als wäre die Straße hier schon zu Ende. Ein Ort, der mich anzieht. Eine große Linde lehnt sich weit in den Straßenraum, darunter das offene Gesicht eines Hauses. Eine blaue Tür unter auskragendem Geschoss. Neugierige Fenster schauen mich an. Auch zu beiden Seiten: Fenster, die sich zur Straße öffnen.

Ich bewege mich wie zwischen Menschen, die sich untereinander gut kennen, miteinander reden und seit langen Zeiten zueinander stehen. Zueinander stehen – das ist es, was diese Straße ausdrückt. Große und Kleine, Breite und Schlanke, Alte und Junge, besser oder auch schlechter gekleidet, aber alle gepflegt, mit eigener Würde – alle stehen zueinander . Kann es sein, dass wir intuitiv dies genau so verstehen?

Kann es sein, dass dieser Raum und diese Häuser mit soviel Geschichte und Gesichtern so etwas wie eine gemeinsame Haltung entwickeln, die sich auf ihre Bewohner und Besucher überträgt? Ein Gefühl in gebauter Form? Gibt es so etwas wie ein inneres Programm in einem Stadtteil, eine eigene Ethik, die sich im Bauen und im Raum abbilden? Seit über dreißig Jahren bin ich auf der Suche nach diesem Geheimnis, nach einem Saatkorn des Städtebaus, mit dem es gelingen könnte, jedem Quartier solche Gene mitzugeben, die es über Jahrhunderte befähigen, gut miteinander leben zu können, zu einander zu stehen. Das ist es, was ich hier empfinde, mit einem zwiespältigen Gefühl zwischen Freude und Wehmut. Ich weiß, dass sich hier eine Lebenshaltung abbildet, die nicht unserer Zeit entspricht. Aber ist es Nostalgie, wenn ich angesichts solcher Räume und Bilder froh bin, dass wir solche Maßstäbe noch bis heute gerettet haben und gleichzeitig wehmütig, dass diese Werte sich nur noch im Ausnahmefall abbilden lassen?


Türen zur Straße. Wer hier ein- und ausgeht wird von allen gesehen. Soziale Kontrolle heißt das im soziologischen Jargon. Soziale Wahrnehmung müsste es heißen, oder gemeinsames Interesse. Ist das schlecht? Fühlt man sich hier eingeengt wie in mancher dörflichen Gemeinschaft?


Why Not? Ich weiß es nicht. Eine kleine Kneipe, die ich nicht kenne. Aber die mir eine Antwort gibt, die ich erst zu Hause verstehe, als ich im Internet nachsehe: Hier haben die Schwulen ihr Stammlokal – am Rande der Innenstadt. Kein Problem für diesen Stadtteil. Why not? Man steht zueinander. Das ist hier so. Ist das wirklich so? Ich kann es nur vermuten.


Und schräg gegenüber steht St. Michael. Ein kleiner Vorplatz für Feste, Begegnungen nach dem Gottesdienst, die große Linde. Der kräftige vierkantige Turm, das kleine Portal: Dies muss ein Schutzraum gewesen sein für die Gemeinde – wie meist die romanischen Kirchen Mensch und selbst Vieh aufnehmen mussten in kriegerischen Zeiten – und die waren fast immer.


Der eigentliche Platz des Viertels ist hier drinnen. Das Geburtstagskind bietet seit 850 Jahren Raum für alle, die mühselig und beladen sind – aber auch für alle anderen. Aus den Büchern habe ich einiges Wissen, aber ich will nur sehen und fühlen. Raum und Architektur vermitteln sich nicht durch die Schrift, und selbst das Bild kann nur das ansprechen, was wir gesehen, erlebt und empfunden haben. Und Frieder Posnien hat dies für uns getan und vermittelt mit seinen Fotografien diese Gefühle. Schauen Sie sich seine Bilder an: Stadtansichten mit eigenen Stimmungen aus Licht, Materie, Struktur, Oberflächen, Spiegelungen. Darin Menschen, Räume, Häuser, Dächer, Fenster, Türen und Blicke ins Innere. So klein dieses Quartier ist – es gibt eine unglaubliche Dichte an Eindrücken. Jedes Detail erzählt Geschichten – Lebensgeschichten, Spuren der Menschen, die hier gelebt haben. Die Zeit, eigentlich ein Abstraktum, das sich nicht einmal richtig denken lässt, hat hier Gestalt und Ausdruck gefunden. Und wir Modernen glauben, alles Neue, Glatte, Reine, Pflegeleichte, an dem die Zeit spurlos vorüber geht, wäre ein Ideal.


Ich bin dankbar all den Menschen, die hier seit Jahrhunderten Stein auf Stein geschichtet haben – geschichtet haben, wieder so ein Wort, das unser Denken öffnet – die hier gezimmert und ihre Häuser errichtet haben, die Höfe und Gärten, die jedes Ding gefügt haben, Dank an all die Männer und Frauen, die als Handwerker, Bauherren, Bewohner all dies erhalten haben und immer wieder pflegen, schön machen. Wir dürfen dies benutzen. Sie haben mehr geschaffen als ihr eigenes Heim. Sie haben darüber hinaus gemeinsamen Raum, Stadt geschaffen und gepflegt. Hierin liegt die Schönheit und Würde dieses Quartiers, dieser Kirche.


Als wir die Zeit noch nicht auf Sekundenbruchteile gemessen und unser Leben darauf eingerichtet haben, gab es nur den Raum und die Existenz – im Zyklus von Jahres- und Tageszeit, die sich am Sonnenstand festmachte. Wenn ich Wahrnehmung und Wissen, Gefühl und Glauben zusammennehme, ist alles gleichzeitig: Geschichte und Gegenwart fällt in eins – in den Raum, der wie hier über fünf und mehr Dimensionen gleichzeitig verfügt. Wenn die vierte Dimension die Zeit ist, so ist die fünfte Dimension für mich die gemeinschaftliche Dimension, die hier in diesem Umfeld besonders stark spürbar ist und sich abbildet.


In dieser kleinen Pfarrkirche der Altstadt und in diesem Quartier haben all diejenigen Zuflucht gefunden, die sonst niemand haben wollte, die Fremden, Verbannten und völlig Mittellosen, die hier einen Platz, auch unter der Erde, finden sollten, wie dies in der Urkunde des Hildesheimer Bischofs Bruno aus dem Jahre 1158 festgelegt wurde – also auf dem früheren Kirchhof vor der Tür. Dies entnehme ich der kleinen Schrift von Hans-Georg Wernsdorff, die er vor fünfzig Jahren zur 800-Jahrsfeier geschrieben hat.


Welch ein Glück, in einer fremden Stadt Asyl zu finden. Es mag an dem Netz der Straßen gelegen haben. Durch das Michaelistor führte die Heerstraße von Frankfurt in die Stadt. Von dort kamen viele Wanderer und Heimatlose in die Stadt und suchte Unterkunft und Bleibe, die sie bei St. Michaelis, in der Straße achtern oder echtern der Stadtmauer finden konnten. In vielen Städten gibt es Sträßchen dieses Namens – oder Hinter der Mauer, an der Mauer genannt, alles einfache, häufig auch arme Quartiere, in denen sich die kleinen Häuser dicht an dicht drängten. Hier lebte oft der buchstäblich „arme Tropf“ – derjenige also, dessen Haus nicht einmal über soviel Platz außen herum verfügte, um mit einem Tropfpflaster das Wasser vom Hause weg zu lenken.


Jetzt, zu diesem Zeitpunkt, befinden sich über 50 Millionen Menschen auf der Flucht vor Hunger, Krieg, Verfolgung. 50 Millionen mit der Hoffnung, irgendwo einen Ort zu finden, der ihnen Asyl gibt, die sich in kleinsten Booten aufs offene Meer wagen, obwohl sie nicht einmal schwimmen können, und auf irgendeine Hilfe hoffen. Und es sind eher die ärmeren Länder, die Flüchtlinge aufnehmen – während wir in den reichen Ländern gerne behaupten, unser Boot sei voll.


Dieses Viertel hier steht für die Hoffnung auf Hilfe und Aufnahme. Viele Menschen aus anderen Ländern finden hier einen Ort, um sich treffen zu können. Kürzlich habe ich hier einem armenischen Gottesdienst beigewohnt – eine altorientalische christliche Gemeinschaft mit eigenem Ritus, die in St. Michaelis Raum gefunden hat.


Und es sind andere Gruppen aus anderen Ländern, die hier ihre Mitte finden. Ich weiß nicht, wie viel unterschiedliche Völker und Nationen nebenan in diesem wunderbaren Michaelishof zusammenleben. 10 oder 20? Es wird eine bunte Mischung sein, die zusammengenommen ein Netz über die ganze Welt spannen. Wir können uns selbst nicht mehr ohne diese Verflechtungen denken – wie schön, wenn es wie hier menschliche und ganz persönliche Gesichter bekommt – und sich nicht nur im Aktienkurs abbildet.


Oder nebenan in der alten kleinen Turnhalle, in dem sich verschiedene Vereine treffen. Ich kenne den Geruch, dieses unverwechselbare Aroma nach Bohnerwachs, Seife und hundert Jahren Schweiß, der sich irgendwie immer auch in der eigenen Sporttasche einnistet – und diesen besonderen Klang der Halle bei den Kommandorufen, das Quietschen der Sohlen und den lauten Schreien beim Ballspiel.


Hier treffen sich die Brasilianer zu ihrem eigenen Kampfsport – oder besser Überlebenstanz – Capoeira, diese Mischung aus Tanz und darin verborgenen Übungen, um sich als unterdrückte Sklaven stark zu machen für den Kampf um die eigene Freiheit. Dies habe ich aber erst dem Bild von Frieder Posnien entnommen – oder besser, seinen Erläuterungen. Er ist auch in das Innere dieses Stadtteils vorgedrungen, hat Kontakte geknüpft, mit den Menschen gesprochen – so dass sie sich gerne haben fotografieren lassen.


Dieses Quartier nimmt alle auf. Integration scheint hier kein Fremdwort, sondern eine Haltung zu sein.


Jetzt, wo ich schon wieder draußen auf der Straße bin, will ich meinen kleinen Spaziergang abschließen. Die Echternstraße sieht auf dem Stadtplan wie eine gerade Straße aus – aber im Raum erlebt man diesen Schwung und Gegenschwung sehr deutlich. Genau am Wendepunkt liegt die Michaeliskirche – ein Prinzip, das sich in mittelalterlichen Städten immer wieder findet. An jedem Hoch- oder Tiefpunkt einer Straße oder wenn sich ihre Neigung stärker ändert, ändern sich meist auch die Straßenkrümmungen seitlich, wird die Topographie in Raum übersetzt und lesbar – Anlass, das besonders Wichtige zu platzieren.


Durch Zufall finde vorher noch einmal Einlass in das Haus Nummer 11, gleich gegenüber der Kirche – und darf eines dieser kleinen Paradiese auf der privaten Seite der Häuser entdecken – zauberhafte andere Welten zwischen Graben und Echternstraße. Höre von Stobwasser und der besonderen Geschichte dieser frühen Braunschweiger Manufaktur. Bekomme auch hier Ahnung von weiteren Geschichten, die manche von Ihnen selbst erlebt haben, und in die ich mich heute nicht mehr versenken darf.


Welches Glück dieser südliche Teil der Echternstraße hatte, spürt man, wenn man auf die Kriegslücken stößt, die ab der Turnhalle sich öffnen. Hier ändert sich die Welt, wird zur Brache, die zum Glück langsam wieder gefüllt wird. Der Straßenraum bekommt seine Kontur zurück. Das war die letzten Jahre meist nicht der Fall. Die Echternstraße nördlich der Sonnenstraße zeigt vor allem Gleichgültigkeit gegenüber dem städtischen Raum, zeigt Anonymität und isolierte einzelne Funktionen. Wir haben Wohnungen geschaffen – Stadt konnten wir zu der Zeit einfach nicht mehr.


Wird das jetzt anders? Wissen wir jetzt, wie Stadt geht? Der Stadtteil bekommt Zuwachs. Doch wird der Genius Loci, der Geist dieses Ortes, den ich zu beschreiben versucht habe, auch diesen Teil erfassen?


Weiß wie unreifes Obst präsentieren sich die neuen Häuser – versuchen sich in gemeinsamer Ästhetik, als wenn sie sich gegen das bunte Leben hier verteidigen müssten. Die Vielfalt in der Mischung mit anderen Nutzungen wird abgewehrt – das könnte ja stören. Und die Farbigkeit und Materialität, die sichtbare Handarbeit, ist ausgeklammert. Die Fenster sind Lichtöffnungen, schmucklos, nur grafisch auf der Fläche verteilt, keine wirklichen Augen zur Straße. So viel weniger Öffnung zur Straße als selbst die Häuser aus dem „dunklen“ Mittelalter – obwohl die Moderne Licht, Licht, Licht predigt.


Besuchen Sie einmal die Friedrichstraße im Bahnhofsviertel. Es geht auch anders. Hier wagen viele einzelne Familien zu bauen und selbst Gesicht hin zu entwickeln. Das Prinzip des kleinen Grundstücks und des individuellen Hauses zu Straße ist wieder entdeckt.


Doch ich vertraue auf die Zeit. Obst muss reifen, bis es Farbe erhält und Charakter, Geschmack und Größe bekommt. Man muss hier wohl erst einige Jahre leben, um zu merken, dass Anpassung und Einfügung in einen größeren Zusammenhang letztlich die größte Individualität darstellt, eine größere Stärke erfordert als jede Art der Absonderung. Man muss dazu nämlich sprechen und verstehen können – in vielen Sprachen.

Und zu einander stehen.

Dieses schöne Viertel kann das.

Sankt Michaelis wacht darüber.


Walter Ackers

Braunschweig, 01.09.2007