2. September 2005

Civitas Nostra – ohne Mauern, ohne Türme

Filed under: Kommunikation,Vorträge — Walter Ackers @ 20:00

Gedanken zum Raum, zur Stadt und zur Geschichte des Öffentlichen

Können Sie sich Braunschweig ohne Kirchtürme vorstellen?

Ist es uns möglich, diese Stadt ohne die Silhouette von Dom, Martini und Andreas, Katharinen, Magni und den Türmen und Architekturen der anderen Kirchen darzustellen?


Man muss nicht der Kirche angehören, um dies als eine erschreckende Vision zu empfinden – ein Schrecken, der fast Wirklichkeit geworden wäre.


Wozu brauchen wir Kirchen, Türme und Tempel?


Etwas in unserem menschlichen Wesen sucht nach Sinn und Sinngebung. Es muss ein starker Beweggrund sein, der in aller Welt zum Bauen von Tempeln und zur Architektur führt. Es muss ein Urtrieb sein, der Ausdruck finden will und Monumente baut, um sichtbar werden zu lassen, was uns lieb und wert ist. Eine Verortung in Raum und Zeit. Gebaute Sprache.



Können Sie sich Braunschweig ohne Mauern vorstellen?

Ist es möglich, sich die Stadt ohne Grenzen und Mauern zu denken? Auch hier habe ich die schrecklichen Bilder der Kriegszerstörungen vor mir, als man aus der Mitte der Stadt bis nach außen zu den Resten der Hochschule blicken konnte. Ohne die schützende Hülle der Wände und Mauern unserer Häuser erscheint uns ein würdiges Leben nicht möglich. Ohne Dach über dem Kopf, ohne Trennung von Innen und Außen, ohne den physischen Schutz vor Klima und Raub werden wir nicht ruhig schlafen.


Unsere Natur verlangt nach Schutz unseres empfindlichen Körpers. Sonst beherrscht uns die Angst. Und wir werden kaum etwas Ordentliches zustande bringen können – weder einen klaren Gedanken noch irgendein solides Handwerk.


Aber wir haben uns sehr wohl an das Leben ohne Stadtmauern gewöhnt. An die Freiheit, zu gehen und zu fahren, wohin wir wollen. Das Gefühl der Sicherheit auch nach außerhalb mitzunehmen, in den öffentlichen Raum. Darauf zu vertrauen, dass die Begegnungen auf der Straße friedlich verlaufen. Keine Waffe oder Leibwache mitzuführen. Nur leicht bekleidet. Sommerlich. Und so in die Karibik zu fliegen.


Worauf vertrauen wir da eigentlich? Auf unsere Pauschalreise? Alles inklusive? Auf unsere Lebensversicherung?


Wir vertrauen auf die Zivilisiertheit der Menschen in den Ländern, in die wir reisen. Wir vertrauen auf die Civitas, die längst nicht mehr nur in der Stadt oder im eigenen Land aufgehoben ist. Wir vertrauen auf das Prinzip der Öffentlichkeit und des damit einhergehenden Schutzes auch des Fremden. Dieses Prinzip ist immer verbunden mit einer Kultur des offenen und öffentlichen Raumes, mit der Zugänglichkeit der Stadt und seiner Einrichtungen.


Nur dort, wo krasse Armut und Anarchie herrschen, wo Angst das einzige Zuhause ist, werden wir diese Zuversicht nicht haben. Dies gilt für einige Länder und Städte dieser Welt, aber auch für Stadtteile in New York, London, Paris oder Berlin.



Können Sie sich Braunschweig ohne seine Straßen und Plätze vorstellen?

Ist es möglich, die Stadt ohne Burgplatz und Altstadtmarkt, ohne Damm und Bohlweg zu denken? Nach dreißig Jahren Gewöhnung fällt es uns ja sogar schwer, sich die Stadt ohne Schlosspark auszumalen, obwohl dieser zumindest nachts auch ein Ort der Angst war.


Wir scheinen eine dritte Besessenheit zu haben. Etwas, das uns dazu treibt, uns zu bewegen, etwas entdecken zu wollen, sich mit anderen auszutauschen. Nicht nur Kohlköpfe, Ziegen oder Eier – wie einige unserer spezialisierten Märkte hierfür ja noch bis heute heißen, sondern auch Ideen, Wissen, Weltanschauungen. Unsere Neugier und Interesse an Erkenntnis, unser Bedürfnis nach Austausch jeder Art kann als ein Grundmerkmal unseres Daseins interpretiert werden.



Aus der Beobachtung städtischer Kulturen leite ich drei primäre Prinzipien ab, die sich im Plan der Stadt und in ihren Bauwerken niederschlagen. Markt, Mauer und Monument finden sich in nahezu allen frühen Stadtformen wieder. Manchmal wird der Schutz der Mauer durch die natürliche Lage ersetzt – wenn die Stadt auf eine Insel, auf einen Berg oder in die Sümpfe gebaut ist.


Die Mauern stehen für gebaute Bewältigung unserer Angst. Sie bieten physischen Schutz als zwingende Voraussetzung unserer eigenen Kultivierung. Das Zivile ist das Gegenteil des Militärischen. Die Stadt heißt: Ablegen der Waffen – um mit beiden Händen produktiv werden zu können. Und um das Vertrauen auf die Friedfertigkeit entwickeln zu können. Die Mauer ist Symbol der bewältigten Angst.


Der Markt ist die Raum gewordene Organisation unseres Wunsches nach Austausch. Es ist die Neugier, die diesen immer wieder belebt. Oder das Interesse nach Austausch, Kommunikation – je nach Kultivierung. Oder die Habgier. Unsere gesellschaftliche Selbstdefinition als „Verbraucher“ beruht wohl vor allem auf der Nutzbarmachung dieser Charakterschwäche – nach christlicher Moral eine der sieben Todsünden. Der Markt ist für mich das Symbol des Interesses am Neuen und Anderen.


Und das Monument? In allen Kulturen wird die Mitte durch das Heiligtum besetzt, durch das, was der Gemeinschaft wichtig ist, was sie innerlich bindet. Im Bau der Tempel oder Kirchen erhält ein drittes menschliches Motiv höchsten Ausdruck – die Befähigung zur Liebe. Basis hierfür ist die Lust – die Sexualität als Trieb im besonderen, die Lebenslust im allgemeinen, kultiviert als unterschiedliche Formen der Liebe. Selbstliebe. Liebe zur Natur. Nächstenliebe. Gottesliebe. Ihr versuchen alle Kulturen Ausdruck zu verleihen, sie produktiv einzubinden in die gesellschaftliche Ordnung. Die Architektur setzt dieses in gebaute Deutung um, findet Sprache für das Bindende und Verbindliche. Unsere Türme sind somit Symbole unserer gemeinsamen Überzeugung. Sie sind Orientierung in Raum, Zeit und Gesellschaft.


Wenn die Mauer für das Körperliche und der Markt für Interesse und Intellekt steht, so steht dieses Symbol für das Emotionale und Seelische.



Betrachte ich die Geschichte der Civitas, so entdecke ich gebauten Ausdruck in vielfältigen Formen alter Städte, in ihren Straßen, Plätzen, ihren Schlössern und Palästen, Tempeln, Klöster, Kathedralen und vieles mehr.


Die Frage, die mich beschäftigt: Wie wichtig sind uns unsere Mauern, Monumente und Märkte? Können wir auf sie verzichten? Was verlieren wir ohne diese Symbole unserer Civitas? Dies ist keine rhetorische Frage, wie unsere Geschichte zeigt. Es ist eine Frage nach unseren gemeinsamen Zielen und Lebensvorstellungen.



Mut Interesse Liebe

Eine Stadt ohne Türme? Diesen Vortrag halte ich in ausdrücklicher Erinnerung an einen Menschen, der sein Leben einsetzte, um die Türme dieser Stadt zu retten. Würden Sie sich für Ihre Sache auf dem Turm der Martinikirche den Fliegerangriffen der Alliierten aussetzen? Es ist eine ganz und gar unglaubliche Geschichte über das große Interesse an der Kunst, die Liebe zu Braunschweig und über den Mut, selbst sein Leben hierfür zu riskieren.


Hieraus schöpfte Kurt Seeleke seine Energie, um das zu vollbringen. Ohne ihn wäre Braunschweig um Vieles ärmer. Sie kennen die Geschichte besser als ich. Ekkehard Schimpf hat sie uns aufgeschrieben. Aber warum ist noch kein Platz in Braunschweig nach Dr. Kurt Seeleke benannt?


Ohne seinen Einsatz wären unwiederbringliche Kunstschätze verloren gegangen, wertvolle Architektur zerstört und ein Großteil der Braunschweiger Stadtgeschichte in einer gesichtslosen Moderne untergegangen – hätte man uns Architekten nur machen lassen.


Mut. Interesse. Liebe. Dies sind drei Kräfte, die – im richtigen Gleichgewicht – jede städtische Kultur begründen. Sie reflektieren sich in allem, was wir tun. Sie begründen unsere Civitas. Sie finden gebauten Ausdruck in unseren Städten: Mauer, Markt und Kirche. Oder Monasterium. Der Ort hier. Das spirituelle Zentrum unserer Stadt, als das ich diese Kirche und dieses Kloster verstehe.


Vielleicht simplifiziere ich etwas leichtfertig. Aber ich glaube, ein tragendes Motiv zur Erklärung der Civitas beschreiben zu können. Nur so kann ich mir das Chaos der Geschichte und die Komplexität unserer Kultur auf ein verständliches Maß herunter brechen. Es ist wie ein fraktales Muster, das auf verschiedenen Maßstabsebenen immer wieder auftaucht.


Es muss doch so sein: Alles, was wir auch unternehmen – wir entrinnen unserem Menschsein nicht. Immer sind wir gebunden an unsere Körper, an unsere Sinne und Emotionen, an unseren Intellekt. Nennen wir es Körper, Geist und Seele – wobei das dritte ziemlich unbestimmt, aber damit auch das Interessanteste ist und bleiben wird.


In allen Kulturen dieser Welt wird der Kampf um Gut und Böse geführt. Tugenden werden beschrieben, um die gemeinsamen Ideen und Ideale zu befördern. Laster und Sünden werden identifiziert, um den besseren Menschen genau davor zu bewahren. Götter oder Heilige dienen der Vermittlung dieser Wertsetzungen. Sie alle zielen auf die Beherrschung unserer Triebhaftigkeit, versuchen sie gemeinschaftsfähig und produktiv zu machen. Sonst hätten wir nicht überlebt.


Ich identifiziere vor allem drei Kräfte, die als neutrale Wertbegriffe auf der nach unten und oben offenen Richterskala der Emotionen „Angst, Neugier und Lust“ heißen müssten. Als entsprechende Tugenden dürften „Tapferkeit, Weisheit und Nächstenliebe“ gelten, als Laster oder sündig führen uns die Begriffe „Trägheit, Habgier und Wollust“ traditionell in den gesellschaftlichen Minusbereich.


Allgemein disziplinieren wir unsere Triebe durch die in Jahrhunderten verinnerlichte Moral der christlichen Tugenden. In dem Bild von der Himmlischen Stadt Jerusalem werden diese Tugenden plastisch-räumlich für unsere Phantasie und Sinne greifbar gemacht – übrigens das erste niedergelegte städtebauliche Leitbild, das ich kenne. Die Alternative der sündigen Stadt Babel hingegen ist dem Untergang geweiht.


Unsere mittelalterlichen Städte haben in Umsetzung dieses Leitbilds

mit ihren Mauern unsere Angst vor die Tore verbannt und unsere Hände freigemacht für Sinnvolleres als Waffenführung,

mit ihren Straßen und Märkten einem sozial kontrollierten Austausch von Waren und Ideen Raum gegeben und damit physisch die Neugier eingeordnet und sozial produktiv gemacht

mit der Zeichensetzung der Kirchen und ihrer Türme der gemeinsamen Überzeugung Ausdruck verliehen, damit die Nächstenliebe als höchsten Wert sichtbar gemacht und das Thema Lust und Liebe auf diese Weise transponiert.



Dies ist die Basis unserer Civitas – eine christliche Moral als Wertbasis, die im Lauf der Zeit modifiziert wird – und Mauern, öffentlicher Raum und sakraler Mittelpunkt als bauliche Ausformung. Die Stadt, die unter mittelalterlichen Bedingungen entsteht, ist buchstäblich um unsere Triebkräfte herum gebaut. Sie verräumlicht diese Weltanschauung – macht sie sinnlich erfahrbar.


Die Mauern machen unmissverständlich klar, dass der Schutz alle innerhalb der Stadt umfasst. Sie bieten einen sicheren Raum, der vor allem auch ein sicherer Rechtsraum ist. Sie bedeuten aber auch, dass jeder für die Sicherheit mit verantwortlich ist. Die Verteidigung ist eine gemeinsame Aufgabe, die eine strikte Organisation erfordert – funktional, technisch, sozial. Recht, Ordnung und gemeinsame Organisation leiten sich aus dieser ursprünglich militärischen Funktion ab. Sie kann theoretisch in der Burg als zentrale Macht zu Hause sein. Über viele Jahrhunderte hat sich jedoch die Selbstorganisation der „Bürger“ als produktiver erwiesen – baulich durch das Rathaus in der mittelalterlichen Stadt verankert.


Die Straßen und Plätze bieten einen Raum, in dem sich alle frei bewegen können. Alle Fenster der Fassaden sind wie Augen hierhin gerichtet, – ein Rahmen für die Neugier und ein Ausdruck kultivierten Interesses. Diese Augen gewährleisten das „Ansehen“ aller Bürger, die Wertschätzung der Gemeinschaft. Unter diesen Augen vollzieht sich der gesamte Austausch und alles Handeln. (Mit dem Rückzug ins Grüne und ins private organisieren wir heute kollektives Wegsehen – egal was passiert.)

Der öffentliche Raum des Ansehens und der Achtung zwingt niemanden zu einem bestimmten Verhalten. Dies ist ein wichtiger Aspekt städtischer Freiheit. Aber wer die allgemeinen Regeln des Umgangs verletzt, wer sich „untugendhaft“ verhält, muss sich verantworten. Der moderne fachliche Begriff „soziale Kontrolle“ diskreditiert die gemeinsame Kommunikation und das Interesse am Anderen, das sich hierin abbildet.


In der Architektur der Gotteshäuser, in den Kathedralen, Domen, Münstern kulminiert die christliche Wertsetzung. Ihre Sprache ist eindeutig: Der höchste und verbindende Wert ist die Verehrung Gottes. Das Motiv der Lust bekommt ein höchstes Ideal – die Nächstenliebe .
Kirchen und vor allem Klöster wie dieses hier sind für sich bereits in gewisser Weise ein Modell der Stadt. In dem Gelübde von „Gehorsam, Gebet und Keuschheit“, unter dem die Stadt Gottes und ihr Civil Code von den Mönchsorden erfolgreich in Europa verbreitet wurden, sind die drei Triebkräfte „Angst, Neugier und Lust“ ebenfalls für das Gemeinwesen produktiv kanalisiert. Aus dieser Keimzelle entstehen in ganz Europa quasi aus dem Nichts wieder Städte.



Es ist frappierend: Da bricht das römische Reich zusammen, die Kultur Roms versinkt in der Geschichte – und aus eben diesem Rom breitet sich eine Idee in Europa aus, die überall neue Städte entstehen lässt. Das muss eine Zauberformel gewesen sein, die mit den Klöstern verbreitet wurde.


Ich sehe diese drei Motive inzwischen wie drei Spielbälle. Gleichgültig, was wir auch tun, wir sind gezwungen, diese drei Motive in dem Spiel unterzubringen. Es beginnt bereits, wenn allein zwei Personen zusammenkommen. Nur in einem sicheren Rahmen, also angstfrei, und mit einem gegenseitigen Interesse kann es zu einem Austausch kommen. Und dauerhaft wird eine solche Beziehung nur bleiben, wenn dies mit Lebenslust und Freude verbunden ist. Sonst brechen wir das Spiel ab.


Ich sehe dies als drei Spielbälle, die wie beim Jonglieren im Spiel bleiben müssen. Solange das der Fall ist, wird das Spiel immer gewonnen. Von allen. Die städtische Kultur der europäischen Stadt ist der Hauptgewinn in unserer Geschichte.


Dieses Spiel ist offensichtlich „erbaulich“. Auf der Ebene der Stadt wird der Rahmen mit den technischen Mitteln der Zeit baulich-räumlich ausgebildet. Es ist im Wesentlichen die Architektur, die dies leistet. Architektur und Raum bilden einen Teil unserer Sprache, die alle verstehen. Sie wendet sich an unsere Sinne, die viel mehr Eindrücke verarbeiten, als wir uns jeweils bewusst machen können. Genauer: weniger als ein Millionstel der Informationen, die unsere Sinne bereitstellen, können wir überhaupt bewusst machen. Die Stadt selbst ist ein komplexes Sprachsystem, in dem wir uns bewegen, auswählen, orientieren und agieren. Dank unserer „Sprachkenntnis“, also dank der Konventionen der räumlichen Sprache, der Symbole und Zeichen, können wir das für uns in jedem Moment jeweils Wichtigste herauslesen. Wir selektieren 50 Bit/sec an Informationen – die Kapazitätsgrenze unseres Bewusstseins. Aber im Innern entfalten wir diese Informationen, versehen sie mit Bedeutungen, die wir im Laufe unseres Lebens gelernt haben. Durch diese „Exformation“ interpretieren und verstehen wir komplexe Situationen. Über unseren Körper, unsere Gestik, Mimik, Körperbewegung und Sprache vermitteln wir letztlich wieder Millionen von Informationen. Ein Kind, das in Richtung Fahrbahn läuft, wird uns nicht irritieren, wenn das Ziel das offensichtlich elterliche Autos ist. Aber wir werden möglicherweise impulsiv und körperlich reagieren, wenn es unkontrolliert auf eine befahrene Straße rennt. Zwischen Höchstalarm und Intervention oder Gleichgültigkeit und Reaktionslosigkeit gibt es eine sehr breite Skala unterschiedlichen Verhaltens. Aufmerksamkeit. Interesse. Interaktion. Gefühlsreaktionen usw. Auf die Bedeutung des städtischen Raums möchte ich zum Schluss noch einmal eingehen.


Die Europäische Stadt in ihrer charakteristischen baulichen Ausformung produziert kulturellen Mehrwert. Dieser Reichtum und die wirtschaftliche Produktivität führte zu bürgerlichem Selbstbewusstsein. Der Bürger löst sich aus dem Schatten der „Burg“ und beansprucht weitere Freiheiten gegenüber der Herrschaft des Adels. Das Spiel der menschlichen Triebkräfte unterlag ganz deutlich Spielregeln, Ordnungen und moralischen Wertsetzungen. Aber diese „einengenden“ Regeln produzierten gleichzeitig städtische Freiheiten. Diese waren so gewaltig, dass sie Europa auf den Kopf stellten. Die Freiheiten ließen sich nicht in den städtischen Mauern halten. Mit der französischen Revolution wurden die alte Ordnungen abgelöst und neue Begriffe für die alten Motive gefunden.


Nachdem unsere Städte im Mittelalter im Schutz der Mauern und zu Ehren Gottes ihre schöpferische Kraft entfaltet hatten, entwickelte sich zwischen den Städten ein reger Austausch. Der Austausch von Waren und Ideen wurde v.a. durch den Buchdruck und durch den Ausbau der Handelswege forciert.


Liberté, Egalité, Fraternité wurden wie Embleme einer neuen Weltordnung exportiert. Es sind Menschheitsträume, die hier in Begriffe gefasst werden. Für mich sind das die drei Themen „Markt, Mauer und Kirche“ – aber in weiter abstrahierter und institutionalisierter Form. In der Fraternité finden wir das Prinzip der Nächstenliebe als Grundsatz sozialen Umgangs wieder. Das Motto der Egalité stellt alle Menschen vor dem Gesetz gleich. Der Staat definiert einen neuen Raum, einen Rechtsraum, der Stadt und Land umfasst. Dieser ist der Ersatz für die schützende Mauer. Er benötigt die Sicherung der Landesgrenzen durch das Heer.


Das Spiel mit den drei Bällen hat an Farbe gewonnen. Bleu, Blanc, Rouge – die Farben der Trikolore erläutern sich selbst. Blau – die Farbe des Himmels für die Freiheit. Weiß für die bewältigte Angst, den Schutz der Mauer und des Friedens innerhalb. Und rot für die Liebe. Das Prinzip der Nächstenliebe wird auch denjenigen zugestanden, die nicht der Kirche angehören. So war es jedenfalls gedacht, wie auch mit der Egalité – aber mit ganz schrecklichen Regelverletzungen, wie wir aus der weiteren Geschichte wissen.


Diese drei Farben werden jetzt auf nationalen Ebenen durchgespielt. Aus den kleinen Spielbällen der Stadt sind große Ballons auf Landesebene geworden. Die demokratischen Regeln kristallisieren sich heraus. Alle dürfen mitspielen. Keiner muss draußen bleiben. Einzige Voraussetzung: Die Spielregeln werden anerkannt.


In Deutschland allerdings gibt es da einige romantische Einschränkungen. Man muss schon das entsprechende Blut haben. Und hier wird auch das erste große Missverständnis der Geschichte sichtbar – nämlich dass es um den Ballbesitz geht. Wir kapieren es einfach nicht, dass das Leben ein Spiel und kein Endzustand ist. Glücklich, „geeint und einig“ aus einer etwas diffusen Geschichte herausgekommen zu sein, halten wir den Ball fest, den wir am besten greifen und begreifen konnten. Da wir in der Angst besonders groß sind, ist es der weiße Ball. Egalité. Aber wir spielen falsch. Buchstäblich. Oder besser noch: wir spielen überhaupt nicht. Wir machen Ernst. Unter Ausschluss der beiden anderen Prinzipien träumt eine ganze Nation Allmachtsphantasien. Wir schließen einen Teil der Menschen dieses Landes aus von dem Spiel. Nicht einmal zusehen dürfen sie. Der Weiße Ballon der Egalité entwickelt sich zu einer rostig-braunen Kanonkugel. Und explodiert.


Doch auch der zweite Versuch, aus einem offenen Spiel einen Zustand zu machen – einen Zustand der Glückseligkeit diesmal – scheitert an den menschlichen Schwächen. Die Liebe allein reicht nicht. Die Fraternité, in proletarischer Diktion nun Solidarität genannt, führt zu Lethargie und Schwäche. Der Kommunismus leidet zunehmend an Acedia – das ist die Todsünde der Trägheit – im christlichen Sinne. Doch die Träume der Menschheit lassen sich nicht unterdrücken. Die Neugier als Triebkraft unseres Handelns sucht Bewegung und Austausch. Die rote Sonne ist zu heiß zum spielen.. Die staatlich überwachte Solidarität entpuppt sich als Fessel. Das Volk will alle drei Bälle. Auch das Blau wie die Freiheit. Und das Weiß wie die Gleichheit.


Jetzt müsste eigentlich alles klar sein. Wir haben aus der Geschichte gelernt und wissen, dass es nur darum geht, unsere Triebkräfte produktiv zu machen, sie nicht außer Kraft zu setzen: Neugier, Angst und Lust. Dies ist uns gelungen in vielen kleinen Gemeinschaften. Erfolgreich wurde es in Form unserer Städte. Mit einigen Wirren und auch mit Blutvergießen, wie wir das von der Französischen und vielen anderen Revolutionen kennen, haben wir auch auf nationalen Ebenen das Spiel zu spielen gelernt. Manche brauchten hierzu extra Trainingsstunden. Manche können es immer noch nicht, weil einer den Ball blockiert. Und global schaffen wir das noch gar nicht.


Nachdem wir zwei Bälle verschlissen haben, den roten und weißen Ball, glauben wir, der dritte Ball wäre die schöne Prinzessin und das Königreich unser. Aber es geht nicht um Besitz und Haben. Es geht um Sein und Werden. Ballbesitz ist wie beim Fußball für die eigene Mannschaft ja ganz schön. Aber wenn man nicht abgibt, wird das Spiel furchtbar langweilig. Die Bälle müssen im Spiel bleiben.


Aber es macht derzeit den Eindruck, dass wir alle glauben, es gehe nur um den blauen Ball der Liberté und um die Freiheit des Marktes. Es reiche aus, diesen Ball möglichst zu halten und zu besitzen. Aber was ist das für ein Spiel? Immer mehr Menschen werden auf die Zuschauerränge verwiesen und sollen Beifall klatschen, obwohl gar nicht mehr gespielt wird. Immer mehr

werden vom Platz verwiesen. Oder gar aus dem Stadion. Dabei lautet die Regel eigentlich: Alle dürfen mitspielen.


Aber es ist unser Traum, der sich da wieder einmal zusammenbraut. Wir sind es selbst, die dieser Lebensauffassung Substanz geben. Shareholder-Value – das ist unser Anteil am Ballbesitz. Da begegnet uns plötzlich unser eigenes Kapital, global organisiert, und sorgt dafür, dass wir rausfliegen. Wer pfeift hier eigentlich?


* * *


Meine Bildwelt und meine Geschichte klingt ohnehin wie ein Märchen. Und es ist vielleicht auch ein solches. Aber wir wissen doch alle, dass die dritte Probe immer die schwerste ist. Und die Prinzessin dürfen wir erst küssen, wenn wir diese Aufgabe gelöst haben. Und dann geht das Spiel ohnehin auf dieser Ebene wieder los. Zwischen zwei Verliebten – wie ganz am Anfang. Da reicht auf Dauer auch nicht nur die Lust.


Ich bin ein grenzenloser Optimist – auch aus der Betrachtung der Geschichte. Es ist uns gelungen, das Spiel immer wieder zu öffnen, immer mehr an dem Spiel zu beteiligen. Inzwischen dürfen ja selbst die Frauen mitmachen. Das ist doch schon was. Was glauben Sie, welche Rolle wir alle hier im 17. Jahrhundert gespielt hätten? Da wäre es uns kaum so fürstlich gegangen wie heute.


Es gibt genug Anlass, die globale Entwicklung sehr kritisch zu sehen. Wir haben gewaltige Aufgaben vor uns. Dazu brauchen wir Mut. Aber glauben Sie, es wäre in den früheren Phasen der politischen und gesellschaftlichen Umbrüche leichter gewesen? Wir ruhen uns aus auf den Errungenschaften unserer Vorfahren, die teilweise blutig unsere Freiheiten errungen haben. Die Braunschweiger Bürger haben mehrere Jahrhunderte um ihre Selbständigkeit gekämpft.


Und wir haben Angst um unseren Besitzstand. Die Farben unseres Spiels sind nicht Bleu, Blanc, Rouge – sondern Schwarz, Rot, Gold. Es mag ja Zufall sein – aber das Schwarz bildet die Angst unmittelbar ab und ist die Farbe des Todes – im Gegensatz zum Weiß, der Farbe der Aufklärung und des Friedens. Und wenn das Gold die Bedeutung der Liberté abbildet, dann haben wir die materiellste Farbe für unsere Idee der Freiheit gewählt. Und eine Farbe der Macht. Das sollte uns zu denken geben. Angst und Macht. Eine brisante Mischung.


Bisher haben wir zwei Kapitel der jüngeren Geschichte wesentlich mitgestaltet – zwei Kapitel, die man am liebsten überschlagen würde. Zwei totalitäre Formen, das offene Spiel in einen Endzustand zu verwandeln. Wir haben immer in Theorie und Praxis an diesen Systemen entscheidend und gestaltend mitgewirkt. Wir waren das System. Mein Traum ist, dass wir dieses mal nicht den Ball festhalten, sondern uns für ein offenes Spiel einsetzen. Den Ball abgeben, und zwar so, dass die anderen ihnen annehmen und weitergeben können. Nur so wird ein Spiel daraus. Da trifft es sich doch wunderbar, dass wir mit allen europäischen Farben spielen dürfen. Auch global.



Civitas Nostra – ohne Mauern, ohne Türme


Nehmen wir an, das gelingt uns.

Nehmen wir an, die Welt akzeptiert die Spielregeln.

Nehmen wir an, Wirtschaft, Staat und Gesellschaft geben unserer Neugier, unserer Angst und unserer Lust institutionelle Rahmen – national, auf europäischer Ebene, global.

Glauben Sie, wir können im übertragenen und im direkten Sinn auf unsere Mauern und Türme verzichten?


Wir freuen uns über jede gewonnene Freiheit. Die Gewerbefreiheit. Die Reisefreiheit. Die Meinungsfreiheit.


Wir freuen uns über jede Festungsmauer die wegfällt.


Es war ein Segen, als sich Braunschweig um 1800 aus seiner Ritterrüstung befreien konnte und der abschreckende und isolierende Festungsgürtel ersetzt wurde durch ein leichtes, transparentes, Gewand der grünen Wallanlagen. Dies gibt der Stadt bis heute eine gewisse Erotik – Anziehungskraft. Die Grenze blieb jedoch bestehen, um über Zölle den Markt der Stadt zu sichern.


Die Moderne hat viele alte Festungen aufgebrochen, Werte in Frage gestellt. Dennoch können wir nicht auf Grenzen verzichten.


Es sind die gemeinsamen Werte, die wir durch Mauern oder Grenzen aller Art sichern: Das Eigentum. Das Wohlbefinden. Die Privatheit. Das Recht. Die Freiheit. Lauter wertvolle Güter und Errungenschaften. Und sie weisen damit aber auch die Verantwortung zu. Hierin liegt eine Funktion, die wir allzu gerne ausblenden. Wer Mauern beseitigt, muss die neuen Inhalte definieren und Grenzen neu ziehen – und die Verantwortung hierfür übernehmen.


Von der Haustür bis zur Friedhofsmauer, vom Bankschalter bis zum Tresor, von der Bordsteinkante bis zur Staatsgrenze: es werden immer materielle Werte und immaterielle Wertvorstellungen geschützt – aber durch ihre physische Gestalt auch als solche sichtbar gemacht.


Dies ist die Aufgabe der Architektur und des Städtebaus: unseren zeitbedingten Wertsetzungen Sprache zu verleihen, sie im Raume verständlich zu machen. Es sind nicht mehr die Kirchen und ihre Werte, die im Schnittpunkt der heute sehr divergenten Lebensvorstellungen stehen. Unter dem gesellschaftlichen Oberziel des „Verbrauchers“ thematisieren wir – wenn wir es genau betrachten – sehr präzise die oben genannte Negativskala der Emotionen. Unmäßigkeit, Neid, Trägheit, Wollust und Geiz werden unverhohlen als selbstverständliche Charaktereigenschaft zur Durchsetzung in der Gesellschaft beworben. Geiz ist geil. Aus Lastern oder Todsünden werden gesellschaftliche Tugenden. Oder sind wir so aufgeklärt und souverän, dass wir dies lediglich als Ironie verstehen? Kann unter derartigen Leitvorstellungen noch Kultur entstehen? Ist das nicht die gezielte Zerstörung unserer Civitas?


Der unverblümte Appell an unsere „niedrigen Instinkte“ setzt Kräfte frei. Kaufkraft. Konsum. Kapital. Doch wie auch immer: Auch damit werden, wie stets in der Geschichte, Tempel errichtet. Eine Konsumgesellschaft baut selbstverständlich Konsumtempel. Und selbst wenn wir historische Motive wie das Braunschweiger Schloss vorblenden – die Geschichte und der Zustand unserer Zeit wird letztlich ablesbar, eher noch überhöht. Vielleicht – und das ist tatsächlich mein Ziel und meine Hoffnung – integrieren wir diesen Tempel nicht nur städtebaulich. Ich denke, unsere Civitas ist so stabil, dass wir diesen Tempel in das Gefüge unserer anderen Werte letztlich angemessen einordnen. Deshalb ist es erforderlich, die Türme unserer Stadt, die christlichen Werte und bürgerlichen Tugenden bewusst zu halten. Sie überragen Schlösser jeder Art. Deshalb sollten wir Dr. Kurt Seeleke besonders dankbar sein.


Alle staatliche Institutionalisierung, Abstraktion und Theorie entlastet uns nicht von unseren Aufgaben. Wir erfahren Sinn über unsere Sinne. Die Städte können ihre Verantwortung nicht einfach ablegen, der Civitas einen sinnlich erlebbaren Rahmen zu geben, in der sie sich immer wieder selbst erfahren und erneuern kann, in der das eigentliche Spiel der Demokratie gespielt wird.


Ich halte es für unabdingbar für unsere Civitas – und damit bin ich nicht nur am Ende der heutigen Geschichte sondern zurück bei meinem Thema der gebauten Stadt – ich halte es für unabdingbar, unseren Lebensraum Stadt so zu gestalten, Straßen und Plätze so zu formen

dass unsere Neugier genügend Anregung findet, wir Interesse am Geschehen in der Stadt entwickeln, selbst darin agieren können und deshalb mitten darin leben möchten – und so zum gegenseitigen Ansehen und Achtung beitragen

dass die Angst keinen Raum bekommt, alle sich hierin aufgehoben fühlen und sich nicht zuletzt der Fremde als Gast willkommen fühlt

und dass sich in den Straßen und Plätzen, den Türmen und Architekturen, in Mauern und Toren unser permanentes Ringen um Werte, um Lebensauffassungen, um Qualität abbildet und nicht die Gleichgültigkeit alle Maßstäbe außer Kraft setzt.


Die Gleichgültigkeit aller Werte wäre der mögliche Endpunkt einer vollständigen Aufklärung. Doch eine grenzenlose Offenheit führt zu grenzenlosen Landschaften. Ist das wirklich unser Traum? Für eine zivile Gesellschaft ist es aus meiner Sicht ein Albtraum.


Ich möchte meine Rede mit einem Zitat von Ralf Dahrendorf beenden, der dieses Dilemma der Moderne auf wunderbare Weise ausgedrückt hat – sowohl im ideellen wie auch im physischen Sinne:

„Grenzen schaffen ein willkommenes Element von Struktur und Bestimmtheit. Es kommt darauf an, sie durchlässig zu machen, offen für alle, die sie überqueren wollen, um die andere Seite zu sehen. Eine Welt ohne Grenzen ist eine Wüste; eine Welt mit geschlossenen Grenzen ist ein Gefängnis; die Freiheit gedeiht in einer Welt offener Grenzen“

(Aus: Ralf Dahrendorf „Lebenserinnerungen“ C.H. Beck-Verlag München 2002)