27. Oktober 2003

Bühnenbilder für die Uraufführung

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Braunschweig zwischen Rizzi und Schloss, zwischen Damm und Autobahn

Kurzvortrag zur Eröffnung der Ausstellung „Postmoderner Städtebau“ in „Die Brücke“ am 27. Oktober 2003


Die Auseinandersetzung mit der Postmoderne bringt mich meist sehr schnell an den Rand der Verzweiflung. Die populäre Ästhetik und Symbolik aus Werbung und Kunst, Kitsch und Unterhaltung auf die Architektur übertragen, schlägt mir bei den meisten gebauten Beispielen auf den Magen und mein Verstand setzt aus. Obwohl sehr für Gefühl und Expression, für Form und Farbe empfänglich, habe ich große Probleme, die vielfach vordergründige, bildhafte und oberflächliche Gestaltung zu akzeptieren.

Als 1979 das Buch „Lernen von Las Vegas“ von Venturi/Scott Brown/Izenour bei Bauwelt Fundamente erschien, hatten wir für die Innenstadt Frankfurt einen Gestaltrahmenplan erarbeitet, mit dem wir versuchten, deren Komplexität und Widersprüchlichkeit zu erfassen und welcher die Stadt als ein offenes System einer permanenten Veränderung begriff. Im Erscheinungsbild dieser liberalen Stadt sollten die gestaltenden Kräfte zum Ausdruck kommen – ungeschönt, aber eben doch wertbewusst. Aus Geschichte, Gebrauch und Gestalt veranschaulichten wir ein Wertgefüge für den Stadtraum und die Bebauung – eine komplexe, sich überlagernde Landschaft von Werten mit Höhen und Tiefen wurde sichtbar. Diese Grundlage für Transparenz in der politischen Diskussion wurde mit dem politischen Wechsel sofort in Schubladen verbannt. Walter Wallmann als neuer Oberbürgermeister hatte die Zeichen der postmodernen Zeit erkannt.

Anstelle von Aufklärung und Offenheit, von Bürgernähe und Markt der Meinungen traten Repräsentation und Zeichenhaftigkeit, Durchsetzung und Marketing – durchaus erfolgreich und medienwirksam. Hier entstanden in der Folge unter der Planung von Albrecht Speer das Museumsufer mit dem Deutschen Architekturmuseum von Oswald Mathias Ungers und dem Handwerksmuseum von Richard Meyer. Sprache und Begriffe, Ort, Raum und Architektur waren hier positiv zu einem Gesamtwerk verbunden, das spielend den Weg in die Medien fand und sich im Stadtgrundriss und in den Vorstellungen nicht nur der Frankfurter verankerte. Identität, Synergie, Clusterbildung – hier wurde es damals bereits beispielhaft vorgeführt. Mit Richard Meyer fand die weiße Moderne ihren Platz in der Ordnung der Straßenpromenade.

Es folgten die Bebauung des Frankfurter Römer mit der Schirn – die Wiederentdeckung des Stadtraums – und die neuen Architektenhäuser unterhalb der Schirn. Parzelle und Fassade, zwei die Stadt und den Stadtraum konstituierende Größen, kamen in die City zurück. Bildhaft, farbig, von unten bis oben aufgeschnitten, durchbrochen, designed. Dreiecksgiebel, Segmentbogen, Symmetrie überraschten, irritierten und erregten Aufmerksamkeit. Die ausgewählten Architekten konkurrierten um das ansehnlichste Haus und wie so oft war es meistens zuviel an Form und Aufsehen. Nach langem Gestaltverzicht und zwei Jahrzehnten standardisierten, schematischen und anonymen Bauens wurde ein Ventil geöffnet.

Uns drei Partner in unserem kleinen Städtebaubüro tangierte das wenig. 1979 hatten wir uns gerade selbständig gemacht als „Gruppe Architektur und Stadtplanung“, abgekürzt mit dem durchaus programmatischen Namen GRAS. Geradezu in Abwehr der neuen Oberflächlichkeit veranstalteten wir eine Tagung im Rahmen der Europäischen Kampagne zur Stadterneuerung unter dem beziehungsreichen Titel „FREIHEIT MACHT STADT – Der Anspruch auf Selbstorganisation des Alttags“. Den Mitarbeitern der Stadt wurde die offizielle Teilnahme untersagt. Die Ministerialen aus Bonn blieben angesichts des Programms demonstrativ fern.

Wir befassten uns mit anderen Problemen, z.B. denen westafrikanischer Städte, mit acht Prozent jährlichem Bevölkerungswachstum und der Entwicklung einer damals kleinen Küstenstadt zu einer Agglomeration mit mehreren Millionen Einwohnern heute: Sickergrube statt repräsentativem Entrée, Selbstversorgung und Eigenbau ohne Kapital oder Hypotheken statt Gestaltungssatzung und Abschreibungsmodellen. Dort primäre Bedürfnisse wie Hygiene, Ernährung, Gesundheit und hier Lifestyle, Luxus und Medien. Die Postmoderne in Deutschland war auch gesellschaftlich ein Aufbruch in eine neue Oberflächlichkeit – ein Programm zur Distanzierung vom allzu Tiefgründigen.

Wenn man sich an der Grenze zur Verzweifelung befindet, bewegt man sich andererseits auch an der Grenze zur Gewissheit – die gegenüber liegende Seite des Zweifels. Dieses Feld ist mindestens ebenso problematisch.

Die Gewissheit, mit der wir von der modernen Architektur geprägt waren, hatte für mich längst ebensoviel Fragezeichen bekommen. Je länger wir uns mit Aufgaben städtischen Zusammenlebens auseinander setzten, je mehr wir – gerade auch aus der Begegnung mit Afrika oder auch dem Ruhrgebiet – über die Stadt und die sie bewegenden Kräfte erfahren hatten, um so mehr hatten wir auch den Respekt vor dem erstarrten, ästhetischen Programm einer „Moderne“ verloren. Aus der sozial engagierten und reformierten Architektur war in meinen Augen der Mensch immer weiter in den Hintergrund gerückt. Die vermarktungsfähigen Anteile der Ästhetik waren bereits in den sechziger Jahren zu Stil oder Standard verkommen, die Auflösung der Stadt unter dem Begriff des Funktionalismus weit fortgeschritten und die Enteignung des Menschen durch Stilllegung in „sozialen“ Wohneinheiten (abgekürzt WE) und gleichzeitiger Aussonderung aus dem städtischen Zusammenhang längst vollzogen.

Aus dem System Stadt, das ich als Kind in den 50er Jahren als zwar vollkommen zerstörte, aber dennoch durchmischte, lebendige Umwelt voller Spielräume und Tatkräften kennen gelernt hatte, war unter der Hand etwas ganz anderes geworden – ein soziales Programm, eine Anleitung zur alimentierten Unselbständigkeit, ein verkehrs-geregeltes Nebeneinander von zunehmender Rücksichtslosigkeit.

Das Projekt der Moderne

Der Postmoderne gegenüber stand also eine architektonische Moderne, die selbst mit ihren eigenen Idealen die Stadt beseitigte und andererseits ihre soziale Kompetenz an die Bauwirtschaft, Politik und Institutionen verkauft hatte. Zurückgeblieben war neben einer kalten Ästhetik ein banaler, einseitiger Funktionalismus, der überhaupt nichts mehr zu tun hatte mit dem Projekt der Moderne.

Mit dem Buch „Komplexität und Widerspruch in der Architektur“ antwortete  Robert Venturi Buch auf den Purismus in Architektur und Städtebau Le Corbusiers, den auch wir verinnerlicht hatten. Dieses Buch hätte mir helfen können, diese Grenze zwischen Verzweiflung und Gewissheit zu verstehen, wenn ich es denn damals gelesen hätte.

Wir machten statt dessen weiter mit dem Überlebenskampf unserer neuen Selbständigkeit und hatten damit genug zu tun. Für uns etablierte sich aus großen und kleinen Planungsaufgaben ein Stadtbegriff, der aus dem Handeln der vielen Akteure erwuchs, das sich letztlich eher ungeschönt in der Stadt abbildete. Wie bei der Entwicklung der Computerbildschirme, als WYSIWYG ein großer Fortschritt war – What you see is what you get. Wenn das doch noch wahr wäre. Die postmoderne Stadt ist anders. What you see is what you want. But you never get, what you want.

Unsere theoretische Basis und Orientierung war aus den direkten Dialogen in Darmstadt im Umfeld der Fachgruppe Stadt entstanden. Hier, in Folge zu Max Guther und im Austausch und Spannungsfeld von Martin Einsele, Manfred Teschner und Tom Sieverts, hatte sich eine produktive und kommunikative Atmosphäre entwickelt.

Mit Werner Durth hatten wir einen Freund und ständigen Gesprächspartner. Mit seinem Buch „Die Inszenierung der Alltagswelt – Zur Kritik der Stadtgestaltung“ hatte er bereits 1977 die Ablösung von Gestalt und Funktion aus sozialen Lebenszusammenhängen moniert: „Nicht mehr die Einheit des funktionalen und ästhetischen Gebrauchswertes, sondern gestalterische Klischees sollen Teilhabe an stabilen Lebensformen bieten und Sinn vermitteln: So gilt Altstadt als Erlebnis von Gemeinsamkeit, ganz gleich, was darin geschieht. Die in der Gegenwart vermisste ‚Heimat’ wird in der Vergangenheit an sich gesucht.

Fordert die aufgezwungene, berufliche Mobilität den Individuen Bindungslosigkeit ab, so sollen die „Bindungen des Bürgers an seine Stadt vor allem auf der Unverwechselbarkeit von Stadtbild und Stadtstruktur“ beruhen. Nicht das Leben, sondern das Erleben zählt. Entsprechend wird – wie später zu zeigen sein wird – auch von Planern ‚Stadt’ nicht mehr nur als technisch-ökonomischer Funktionszusammenhang, sondern zunehmend als Kette subjektiv erfahrener Erlebnisbereiche begriffen, bei der das je Hinzugedachte und Hineingedeutete einen wesentlichen Bestandteil städtischer Lebensqualität ausmachen.“

Zu dieser Zeit existierte der Begriff Postmoderne noch gar nicht, Event und  Entertainment als Programmierung des Erlebens waren begrifflich noch weit entfernt.

Was damals von Durth mit dem Begriff der „Inszenierung der Alltagswelt“ kritisch gemeint war, nämlich die szenische Aufbereitung des Stadtraums zur „guten Stube“ der Stadt, und mit der er „Die verordnete Gemütlichkeit“ der Innenstädte angriff, hat sich mittlerweile im allgemeinen Verständnis fast ins Positive gewendet.

Ich darf noch einmal Werner Durth zitieren, der in seinem Nachwort zur zweiten Auflage 11 Jahre später, also 1988, folgendes Résumée zieht:   (S. 233):

Im Rückblick auf die letzten beiden Jahrzehnte Stadtplanung lässt sich ein konsequenter Weg von der ungeschminkten Modernisierung der Stadtstruktur in den sechziger Jahren über die Inszenierung einzelner Räume in den siebziger Jahren hin zur Fiktionalisierung urbaner Qualität in den achtziger Jahren nachzeichnen: ablesbar an einer Architektur, die mit geflunkerten Zitaten Geschichten vom ehemals guten Leben erzählt und die Zeugen des schlechten verdrängt, verkleidet, überbaut. Die Postmoderne hilft auch die Strategie des Vergessens durchzusetzen, die nur noch in Erinnerung lassen oder neu zur Erinnerung bringen, was den Stolz auf das gegenwärtig Erreichte zu stützen vermag.

Auch in der Planung vollzieht sich ein Übergang von der Funktion zur Fiktion. Dabei verweist die plakatierte Architektur der Erinnerung über die lokale Geschichte weit hinaus. Die Beschwörung des genius loci zielt vielmehr auf eine Mythologisierung von Orten, die noch den trivialsten Handlungen aufdringliche Bedeutsamkeit gibt: Für manche Politiker, Planer und Architekten ist die subjektive Realität in den Köpfen der Wähler und Bewohner, Kunden und Passanten längst wirklicher als die Wirklichkeit. Und wie die Geschäfte der Luxusklasse zum schnellen Absatz immer kurzlebigerer Produkte nicht nur ihre Waren, sondern stets neue Erlebnisse und Wünsche verkaufen müssen, haben die Städte Bildvorlagen für private Mythen, rasch wechselnde Lebenspläne und –projekte zu liefern, um zumindest den Schein von Orientierung, Innovations- und Differenzierungsmöglichkeiten bieten zu können: symbolische Identitätsstützen im Sog steter Bedrohung“

Geradezu unzeitgemäß wirkt heute der soziale Ansatz des Projekts der Moderne, das Werner Durth immer wieder in Erinnerung ruft: die aufklärerische, emanzipatorische Idee gleichwertiger Lebenschancen und –bedingungen. Angesichts der Entwicklung zu einer Freizeit- und Konsumgesellschaft, einer zunehmenden Differenzierung der Gesellschaft nach Lebensstilen tritt das Ereignis immer mehr in den Vordergrund und erfasst auch die Architektur und Stadtgestalt. Der Umbruch hat soziale und ökonomische Voraussetzungen.

Erlebnisorientierung:  Das Projekt des schönen Lebens

Mit neuen Produktionsformen, globaler Arbeitsteilung und stetig wachsender Bedeutung moderner Dienstleistungen werden alte Ordnungen hinfällig. Mit der Mobilität fallen räumliche Grenzen, mit veränderten Arbeitsformen verschwimmen die zeitlichen Grenzen, vor allem von Arbeitszeit, Freizeit und Urlaubszeit. Auch die sozialen und individuellen Grenzen sind in Bewegung. Wachsende Einkommen und größere Anteile frei verfügbarer Zeit – mehr als 2.900 Stunden durchschnittlich für jeden Deutschen im letzten Jahr –  führen zu verändertem Verhalten. Grenzen zwischen großen Urlaubsreisen und kleinem Ausflug verschwimmen. Das Wochenende in London oder der Kurzurlaub auf Teneriffa zwischendurch ist längst nicht mehr den oberen Einkommensschichten vorbehalten. Die Umsätze der Freizeitbranche sind bei uns auf jährlich 300 Mrd. DM angestiegen – ein gigantisches ökonomisches und zeitliches Potential.3

Gleichzeitig treten in den Mittelpunkt des individuellen Handelns immer mehr emotionale Bedürfnisse. Unterhaltung und Selbstverwirklichung kennzeichnen die sozialen Milieus, die vor allem die Generationen bis in die Altersgruppe der Vierzigjährigen charakterisieren.

Nach der Modernisierung der Produktionsverhältnisse, der Wirtschaftsbeziehungen, der Wissenschaft oder des Umgangs mit der Natur wird jetzt auch das Erleben selbst modernisiert und rationalisiert. Dieser Prozeß der Modernisierung beinhaltet eine zielgerichtete Umbildung von Handlungsstrukturen, nunmehr nach innen gerichtet – auf die eigene Person bezogen. „Es entsteht das Projekt des schönen Lebens“ wie dies Gerhard Schulze als Trend zur Erlebnisgesellschaft beschrieben hat.

Zusätzlich zur weiterhin bestehenden außengerichteten Modernisierung aller Lebensbedingungen tritt das Projekt der Selbsterfahrung und Selbstverwirklichung. Das Ich wird zum Objekt des eigenen Handelns, das sich gezielt Erlebnisse verschafft – in Musik, Kosmetik, Sport, Urlauben ebenso wie mit Konzerten, Museumsbesuchen, Kleidung, Fahrzeug usw. Die persönlichen Vorlieben bilden sich hierüber ab und werden in einem alltäglichen System von Zeichen und Verhaltensweisen ästhetisch dargestellt und zu Lebensstilen verdichtet. Die Zugehörigkeit zu bestimmten Milieus – und damit explizit auch die Nichtzugehörigkeit zu anderen Lebensauffassungen – wird darüber verdeutlicht.4

Mit dieser sich verändernden Orientierung wächst die Nachfrage nach Erlebnisangeboten. Ein sich ständig differenzierender Erlebnismarkt gibt hierauf Antworten. Bewusst sollte sein, dass der größte Teil der Waren derlei Erlebnisse verspricht. Funktionale Aspekte treten besonders bei Produkten in den Hintergrund, diese Qualitäten werden stillschweigend vorausgesetzt. Entscheidender ist, wieweit Produkte und Dienstleistungen sich in die Ästhetik des jeweiligen Lebensstils – des Entwurfs des Konsumenten von sich selbst – einfügen lassen. Dies sind in hohem Maße emotionale Bedürfnisse, die aber sehr rational im Rahmen der Selbstverwirklichung und eines Unterhaltungswertes befriedigt werden sollen.

Vom Erlebnisangebot bis zum tatsächlichem Erlebnis ist jedoch ein weiter Weg, da letztlich erst die eigene Verarbeitungsleistung zum subjektiven Erleben führt. Erst durch den eigenen Genuss, das Empfinden von Schönheit und durch individuelle Bedeutungsgebung kann subjektiv das Gefühl von Sinnhaftigkeit entstehen, das Gefühl, der angestrebten Selbstverwirklichung ein Stück näher gekommen zu sein. Das bedeutet eigene Anstrengungen. Häufiger, und hierauf stützt sich ein großer Teil der Angebote, kann deshalb mit dem gegenteiligen Verhalten ‚gerechnet‘ werden – dem gesteigerten Konsum vorgefertigter Erlebnisse. „Jedes Erlebnisangebot entlastet von der Aufgabe, etwas mit sich selbst anzufangen und befreit von der Angst, bei dieser Aufgabe zu scheitern.  ……Die Befürchtung entgangener Lebensfreude ist eine unerschöpfliche Ressource des Erlebnismarktes.“ 5

Die Kommerzialisierung der Emotionen ist deshalb so erfolgreich, weil aus dieser Befürchtung heraus immer neue Anregungen gesucht werden. Gerade der Überdruss erscheint als wesentlicher Wachstumsfaktor des Erlebnismarkts.

Der EQ als Standortfaktor

Vor diesem Hintergrund sind die Entwicklungen der letzten Jahre vielleicht verständlicher. Auch die Stadtplanung und Stadtgestaltung gerät immer mehr unter den Druck, emotionale Angebote zur Identifikation zu bieten.

In einem kurzen Essay, das ich vor zwei Jahren geschrieben habe, habe ich die Anstrengungen der Stadt Wolfsburg zu charakterisieren versucht. Das letzte Kapitel war diesem Text entnommen. Unter dem Titel: „Learning from Wolfsburg – der EQ als Standortfaktor“ sollte sichtbar werden, wie stark inzwischen Emotionalisierung und Eventkultur, Entertainment und Erlebniswelt zur Grundlage der gesamten Planung gemacht worden ist – und dies nicht nur in Wolfsburg.

Während mit dem IQ, dem Intelligentquotienten, das Intelligenzpotenzial des Individuums verdeutlicht werden soll, prägte Daniel Goleman  den Begriff der „Emotionale Intelligenz“ und setzte diesen als Emotionalen Quotienten – als EQ – neben den als zu einseitig verstandenen Begriff des IQ.

Es spricht manches dafür, diesen Begriff auch auf die Beurteilung von Städten und Regionen zu übertragen, um deren emotionales Potential, ihr Angebot an gefühlsmäßiger Bindung für Bewohner wie für Besucher deutlich zu machen. In Abwandlung der von Goleman benannten Begriffe ergibt sich ein Katalog inhaltlicher Merkmale, der durchaus als kritischer Leitfaden zur Entwicklung der Erlebnisqualitäten und emotionalen Stärken der Regionen verstanden werden könnte:

  • Selbstbewußtheit als realistische Einschätzung der eigenen Persönlichkeit:
    Erkennen der eigenen Geschichte, der besonderen Stärken und Schwächen, der Motive und Ziele, Ausprägung des eigenen Profils
  • Selbststeuerung der Gefühle und Stimmungen durch offenen, inneren Dialog: Ernstnehmen der verschiedenen Gruppen und ihrer Interessenslagen, Formen des Austauschs, der Mitwirkung und Entscheidungsfindung
  • Motivation, Begeisterungsfähigkeit und darüber aktivierte Leistungsbereitschaft der verschiedenen Gruppen – nicht nur als geschicktes Marketing sondern als tatsächliche Identifikation mit der Stadt, den neuen Projekten etc.
  • Soziale Kompetenz, v.a. die Fähigkeit, Kontakte und Beziehungen zu anderen herzustellen und aufrecht zu erhalten
  • Kommunikationsfähigkeit: aktive Wahrnehmung

Wenn es den Kommunen gelingt, aus diesen Qualitäten und Kompetenzen heraus ihr Handeln zu bestimmen, dann können sicher auch Großprojekte mit neuen Erlebnisformen integriert und zu einem Bestandteil eines unverwechselbaren Profils werden.

Keine Stadt in Deutschland hat es besser vermocht, die Sprödigkeit dieser durchrationalisierten Stadt durch eine weitere Funktion – durch eine emotionale Oberfläche – zu verkleiden und die Stadt damit aber eindeutig auch gebrauchsfähiger zu machen.

Betrachtet man die Aktivitäten in Wolfsburg unter diesen Gesichtspunkten, so haben das Kunstmuseum und bereits auch die Neue Autostadt zu einem größeren Selbstbewußtsein geführt. Die Orientierung an den eigenen Qualitäten und der eigenen Geschichte stärkt nicht nur die Stadt, sondern die ganze Region. Mit der „regionalen Konzentration und symbiotischen Vernetzung von wirtschaftlichen und nichtwirtschaftlichen Aktivitäten“ (Autovisions-Broschüre 1998/11) rund um das Automobil ist  Wolfsburg auf dem Wege – ähnlich wie das Silicon-Valley für die Computer-Industrie – sich für das Themenfeld Automobil zu qualifizieren. Dies ist in jedem Fall auch eine wesentliche Basis für die Verkehrskompetenz, die die Region Braunschweig unter Hinweis auf viele Forschungsstätten, Einrichtungen und Unternehmen rund um die Mobilität behauptet.

Bühnenbilder für die Uraufführung

Braunschweig zwischen Rizzi und Schloss, zwischen Damm und Autobahn.

Wir können selbst beurteilen, wie stark inzwischen dieses Spiel der Inszenierung reicht. Die Altstädte, in den 70er Jahren erstmals wieder hergerichtet als verkaufsfördernde Kulisse für das Einkaufserlebnis, werden ein weiteres Mal gestalterisch überholt. Das mächtigste Mittel des Theaters, auf einfache Weise Wirkung zu erzielen und Bilder hervorzuheben, wird inzwischen bundesweit eingesetzt: Das Licht. Wie auf der Bühne werden die jeweiligen Kulissen ins farbige Licht gesetzt. Ganze Stadtviertel, so sie kommerziell bedeutsam sind, erhalten neue und aufwändige Lichtkonzepte.

Die Stadt als Bühne. Seit mit der Renaissance der Mensch aus dem Dunkel des mittelalterlichen Raums herausgetreten ist und sich seiner immer bewusster wird, verschwimmen auch die Konturen zwischen Theater und Stadt. Mit der Konstruktion der Perspektive – eine Kunst, mit der sich die führenden Elite der damaligen Zeit gerne schmückte und diese als Bühnenbild erprobte, veränderte sich das Sehen. Mit vorgebauten Loggien, Architekturen, Räumen und gekonnt gesetzten Sichtbeziehungen wie z.B. in Florenz wurde der mittelalterliche Stadtgrundriss vorsichtig geöffnet für neue Raumerfahrungen. Das Bühnenbild von Vizenza  mit den drei perspektivisch verkürzten Straßen, auf den Zuschauerraum zulaufend, ist hierfür exemplarisch. Die Straße im Theater, und die Kunst der Perspektive zur Konstruktion der Stadt.

Der Umbau der mittelalterlichen Stadt, der sehr langsam vonstatten ging und Paris erst Jahrhunderte später erfasste, als aus der subtilen Perspektive längst ein Schematismus geworden war, der von Haussman  ebenso brachial exekutiert wurde, bildete gleichzeitig immer auch den Hintergrund für den Auftritt einer sich neu herausbildenden Schicht. Es waren Kulissen für eine weitere Aufführung des Themas Stadt unter neuen Vorzeichen.

So haben wir uns daran gewöhnt, die Straßen und Plätze der Stadt als Bühne aufzufassen. Die Stücke, die dort aufgeführt werden, werden jedoch durch die Bühnenbilder thematisiert und vorbestimmt. Nicht jedes Bild ist für jedes Stück geeignet. Manche Inszenierungen führen zu Massenszenen mit Tausenden von Statisten, andere lassen nur einseitige Aufführungen zu.

Unter dem Erwartungsdruck weiterer spektakulärer und populärer Uraufführungen entstehen so Bühnenbilder für Lustspiele, Boulevardstücke oder Komödien wie mit dem Rizzihaus. Mit dem Wechsel des Intendanten stehen wieder ernsthaftere Stücke auf dem Plan – so die Fassade des Schlosses, in einer modernen Inszenierung mit Kaufhaus im Hintergrund. Die Bühnenbilder sind jedoch mehr als nur Gebrauchsoberflächen. Jedes Bild hat seine Aussage, setzt Bedeutungen.

Die Postmoderne hat uns sensibilisiert für die unzulässigen Abstraktionen einer vermarkteten Moderne – und ist selbst wieder kolportiert durch den Markt. Die Beliebigkeit der Bilderproduktion im Stadtraum ist mindestens so unerträglich wie die Totalverweigerung eines nackten Funktionalismus. Anästhesie durch Ausblendung oder durch Reizüberflutung (nach Wolfgang Welsch) bleibt immer Anästhesie. Das Ziel verantwortlicher Planung und Gestaltung kann nicht in der Bewusstlosigkeit, Ausblendung, Verunklarung liegen – im Gegenteil. Auch das Theater schätzen wir als Institution, die zur Aufklärung, Bildung und zum Bewusstsein beiträgt.

So wird die Diskussion um die Stadt beherrscht von den Extremen wie Rizzi und Schloss einerseits, also einer Fiktionalisierung im Sinne Werner Durths, und zwischen Damm und Autobahn andererseits, den Extremen einer längst vollzogenen Funktionalisierung. Aber wir können unterstellen, dass sich beide Seiten gegenseitig bedingen – sie sind zwei Bühnenbilder einer Aufführung. Welche Rollen spielen wir bei diesem Stück?



3 Max Rieder, Reinhard Bachleitner, H. Jürgen Kagelmann (Hrsg), „ErlebnisWelten – Zur Kommerzialisierung der Emotionen in touristischen Räumen und Landschaften“, Initiative ArchitekturProfil Verlag München/Wien 1998,
s. Beiträge von Peter Weichhard: Regionalentwicklung im Postfordismus; Max Rieder, Erlebniswelten: Jenseits der Realität – Inmitten der Utopie; Reinhard Bachleitner, Erlebnsiwelten: Faszinationskraft, gesellschaftliche Bedingungen und mögliche Effekte; H. Jürgen Kagelmann, Erlebnsiwelten. Grundlegende Bemerkungen zum organisierten Vergnügen;

4 Gerhard Schulze, „Die Erlebnisgesellschaft – Kultursoziologie der Gegenwart“ Campus Verlag Frankfurt/New York 1992

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