20. Juni 2002

Modelle in der Stadt

Filed under: Vorträge — Walter Ackers @ 20:00

Entwurf für einen Vortrag

Black Box und Blue Bag

Fragen Sie sich auch manchmal, warum so viele Studentinnen und Studenten mit blauen Plastiksäcken, solchen Mülltüten herumlaufen? Zwischen Hochhaus und Altgebäude, zwischen Oker und Mühlenpfordtstraße? Richtig, das sind Architekten – bzw. solche, die es werden wollen. Besonders bei schlechten Wetterlagen verbreiten sich diese Hüllen. Sie schützen die Ideen der Studenten vor schädlichen Einflüssen von außen – und das Außen vor schädlichen Ideen.

Die Informatiker und Sozialwissenschaftler haben ihre Black Box, wir Architekten haben unseren Blue Bag, das klingt besser als blauer Sack.

Leider weiß ich nicht mehr genau, wie man über die Black Box zu Lösungen gelangt ist, jedenfalls wurde dort das unbekannte Zusammenwirken komplexer Systeme dadurch ergründet, in dem man Verschiedenes hineinsteckte, um zu sehen, was sich in der Wirkung veränderte, und um hieraus wieder Rückschlüsse auf die Wirkungsweise ziehen zu können. Jedenfalls meine ich mich so kreativ zu erinnern. Sicher ist dieser Zauberkasten hier schon vorgestellt worden als ein besonderes Modell zur Erkenntnisgewinnung. Denn hierum geht es doch immer, wenn in der Wissenschaft und der Kunst von Modellen die Rede ist – um die Erkenntnis, dass die Idee wirklichkeitstauglich ist. Wenn und ob aus diesen Modellen später Kleider oder Zwangsjacken werden, so liegt das meist nicht mehr im Verantwortungsbereich der Modellierenden.

Die Begeisterung von Architekten und Planern für die Kybernetik und die Black Box war in den 60er Jahren besonders ausgeprägt – hatte man doch mit der Komplexität der Stadt auch so ein unverstandenes Wesen, eine Art von Black Box, in die man mal dieses mal jenes hineinstecke konnte, sie veränderte, ummodelte, an ihr herumbastelte, um an den neuen und meist größeren Folgeproblemen zu erfahren, dass die Stadt letztlich doch anders funktionierte als man gedacht hatte, und das man als Nächstes etwas ganz Neues ausprobieren müsse. Ob die „gegliederte und aufgelockerte Stadt“ von Johannes Göderitz, die „autogerechte Stadt“ von Hans Reichow oder „Urbanität durch Dichte“ – alle Versuche erwiesen sich zwar als Erneuerung und auch Bereicherung des Wohnungsangebots – aber gleichzeitig als zu einseitig und zeigten, dass die Stadt ein viel zu komplexes Wesen habe, als dass sie sich durch einfache Manipulationen beweisen ließe.

Die Erkundung des inneren Informationsaustausches der Stadt führte letztlich zu einer Explosion von Statistiken, Berechnungen, Zahlenwerken, unter denen das städtische Leben geradezu erstickt wurde. In der Übertragung kybernetischer Modelle auf die Stadt verschwanden alle sinnlichen Vorstellungen von Stadt und Stadtleben, Körper und Raum, Ort und Zeit. Gestalt, Ästhetik und Schönheit existierten damals nur noch in binären Zahlen.

Die spätere Rückwendung zur historischen Stadt oder die Hinwendung zu postmodernistischer Beliebigkeit sind hieraus zu verstehen, da unsere Wahrnehmung mit Zahlen und Argumenten allein nicht zu befriedigen ist. Wenn wir schon auf Sinn verzichten müssen, so wollen wir wenigstens Sinnlichkeit.

Aus diesem Grunde haben sich Architekten wieder verstärkt der künstlerischen Seite ihres Berufs zugewandt und experimentieren mit Modellen, die man wieder fühlen und anschauen kann, um die eine Jury aus Experten, Politikern und Laien herumgehen kann und sagen darf, was ihr gefällt. Dies ist eine dreidimensionale Form von Modell, die vor allem Baukörper und Räume sichtbar macht. Welche Kriterien hierbei zur Geltung kommen, entscheidet eigentlich erst im Nachhinein, was als Modell taugt und was nicht.

Der Blue Bag, auf den ich hier bei der Vorbereitung des Referats gestoßen bin, ist kein anerkannter Begriff einer Stadttheorie, aber er ist geeignet, unseren heutigen Umgang mit Modellen zu verdeutlichen:

  1. Wir arbeiten – anders als die Politik oder der Metzger – fast immer mit Modellen
  2. Wir glauben, alle Probleme, auch die politischen, im Maßstab 1:2.000 oder 1:20 zur ästhetischen Frage machen und diese dann auch beantworten zu können
  3. Diese Lösungen bieten wir gerne allen an, die selbst keine Fragen haben, aber gerne Antworten geben: den Politikern – oder im Falle der Universität, die Studenten ihren Professoren
  4. Hierzu verpacken wir/sie die Modelle in Blue Bags, in Plastikfolien, halbtransparent, die Form und Inhalt erahnen lassen, aber nicht wirklich zeigen. Versprechen und Erwartung halten sich hier solange die Balance, bis der Sack geöffnet wird.
  5. Dieser Blue Bag ist sozusagen eine Verbesserung des undurchsichtigen Sackes, in dem im allgemeinen Katzen verkauft werden.
  6. Die größten und besten Ideen können in solch einer Plastikfolie verborgen sein, man wird sie erst kennen lernen, wenn man sie herauslässt wie die Besagten.
  7. Viele der Ideen verflüchtigen sich dann ähnlich schnell.
  8. Dass in solchen Beuteln normalerweise Müll entsorgt wird, verdeutlicht unser Umweltbewusstsein: die Entsorgungsfrage der Modelle ist damit praktisch gelöst.

Leider hat sich in der Geschichte der Stadt – und damit in der Geschichte der Gesellschaft – nicht jedes Modell so leicht entsorgen lassen.

Warum beginne ich mit diesen beiden Begriffen? Weil sie zum einen das Anschauliche – unsere Studentinnen und Studenten – mit dem Abstrakten, der reduzierten Wirklichkeit im Modell und umgekehrt, mit der Konkretisierung des Unwirklichen im Entwurf in Verbindung bringt.

Und zum andern, weil ich Ihnen selbst heute einen Blue Bag präsentiere, wissenschaftlich nicht abgesicherte Beobachtungen des Raumes – und weil ich umgekehrt, dieses Kolloquium wie eine Art Black Box interpretiere, da ich nicht weiß, wie Sie unter diesen Implikationen reagieren werden. Aber wir werden ja sehen, was hinterher dabei heraus kommt und ich kann Rückschlüsse auf Ihr und unser Zusammenwirken ziehen.

Das physische Modell

Also: wir Architekten und Städtebauer arbeiten am physischen Körper, wir wollen bauen. Wir bauen um unsere Wahrnehmung herum, deshalb entstehen Räume. In unserer Kindheit tasten und erfühlen wir die Grenzen unseres Erfahrungsraumes. Später erweitern wir diesen Raum durch die Entwicklung unseres Intellekts, unserer Sinne, unseres Körpers mit seinen Bewegungsmöglichkeiten. Bevor wir heute manuell den Raum erkunden, haben unsere Nasen, Ohren und Augen den Raum längst abgetastet und in unserem Gehirn nach übereinstimmenden Begriffen durchgescannt. Wiese, Häuser, Siedlung, Vorsicht, schnelles Auto. Das Unbekannte, das Gefährliche, das Schöne, das Herausragende, das sich Bewegende wird bei entsprechender Interessens- und Bedürfnislage herausgehoben, mit Aufmerksamkeit belohnt.

Diese Wahrnehmungsleistung ist abhängig von der Sprachentwicklung, von Wissen und Erfahrung.

Die Räume, die wir um uns herum bauen, sind somit Ordnungen unseres Wissens und unserer Erkenntnisse. Raum ist Ordnung, um uns das Undenkbare, das Unfassbare zu ersparen. Vielleicht ist der Begriff Raum ja selbst so ein Blue Bag. Als Galileo Galilei das aristotelische Weltbild in Frage stellte und nach den Erkenntnissen des Kopernikus die Sonne in den Mittelpunkt des Weltbildes rückte, perforierte er öffentlich so einen Blue Bag, dieses katholische Präservativ, das damit seine Wirkung verlor. Das Firmament, das ich nicht ganz korrekt aber umso plastischer ableite von firmare = sichern, befestigen und von mens, mentis = Geist, also ein Schutz des Geistes vor dem unnötigen Irren und der Verwirrung, hatte Risse bekommen, die sich trotz vieler Zwangsmaßnahmen und Reparaturversuchen nicht mehr schließen ließen. Unsere Neugier drängte durch diese Risse hinaus und erkundete unbekannte Räume, bildete Begriffe, schuf Erkenntnisse und gelangte – über neue Modelle, zu neuen Weltbildern, in denen das Göttliche immer mehr auf den Menschen hernieder fuhr und an dem er heute ganz schön zu tragen hat.

Raum ist also eine Konstruktion unseres Geistes – oszillierend zwischen Projektionen auf ein wie immer geartetes Firmament und Erkundungen jenseits dieser Hülle. Der Blue Bag kann damit als opaker und gleichzeitig transparenter Raum verstanden werden, durch den hindurch wir andere Räume und Welten, je nach Erleuchtung, Neugier, Lust und Mut entdecken können. Bevor wir dies tun, bauen wir uns Modelle, um nicht Gefahr zu laufen, über den Tellerrand unserer Vorstellung ins Nichts zu fallen. Wir suchen Durchblick. Man nennt dies auch: Perspektive.

Die Kunst der Perspektive oder: Modell Mensch

Dieses Wort ist ausgesprochen erläuternd. In der Zeit, als Galileo Galilei sich mit der Kirche über notwendige Reparaturleistungen am alten Weltbild stritt, war die ars perspektiva – die durchblickende Kunst entwickelt und ausgereift. Es war eine neue Technik, eine Kunst, durch den Blue Bag mittelalterlicher Raumvorstellungen voller Enge und Dunkelheit hindurchzuschauen und mittels der Konstruktionsmöglichkeiten bis dato unbekannte Räume von großer Regelmäßigkeit und Klarheit konstruieren zu können. Perspektiven sind also Modelle, die mit künstlerischen und technischen Mitteln neue Blue Bags konstruieren – neue virtuelle Räume, wenn man Himmel und Hölle als Vorläufer sieht.

Diese Kunst der Zeichnung war in der Malerei vervollkommnet worden und wurde dreidimensional auf der Bühne des Theaters erprobt. In Vicenza wurde in diesen neuen Bildern einer neuen Raumordnung erstmalig Theater gespielt. Man holte sich eine neue, geordnete Stadt mit Straßen auf die Bühne und spielte darin ein neues Leben mit neuer Wahrnehmung. Über die ars perspektiva gelangte man von einem neuen Weltbild zu einer neuen Gesellschaft und so zu einer neuen Stadt. Kunst und Wissenschaft standen im Dienst einer neuen Elite, die sich diesen technologischen Vorsprung zunutze machten und ihr eigenes Erscheinen im Raum inszenierte.

Seitdem ist die Stadt eine Bühne, auf der immer neue Weltbilder und Lebensmodelle experimentiert werden. Denn mit diesen Konstruktionen verbanden sich auch ganz pragmatische Vorteile: Man konnte schneller mit der Kutsche die wichtigen neuen Punkte in der Stadt erreichen – und die Stadt ließ sich so besser kontrollieren – was nach den ersten Revolutionserfahrungen ein nicht zu unterschätzender Vorteil war. Man hatte das Volk so besser im Visier, wie der Präfekt Haussmann in Paris wusste.

Wenn zu Beginn der Renaissance in Florenz nur zaghafte punktuelle Ergänzungen und Eingriffe in den mittelalterlichen Raum durchgeführt werden mit vorgesetzten Loggien, vorsichtigen Raumfolgen mit gelenkten Blickbeziehungen und mit neuen Plätzen , so wird diese Raumauffassung in den folgenden Jahrhunderten um Erfolgsmodell. Von der barocken Inszenierung fürstlicher Macht in Ideal-Städten wie Karlsruhe über die Sezierung des Pariser Stadtgrundriss durch Haussmann bis hin zu den gewaltigen neuen flächenhaften Ausdehnungen der Industriestädte des späten 19. Jahrhunderts z.B. in Berlin reicht dieses Modell geordneter Raumkonstruktion.

Das Privileg der schnelleren Raumüberwindung und die Exklusivität eines feudalen Lebensstils verflüchtigte sich jedoch mit der Verbreitung dieses Raummodells: Pferde- und Straßenbahnen und U-Bahnen waren für die breite Masse gedacht. Dazwischen lag jedoch eine Zeit, in der der Mensch buchstäblich aus dem Dunkel des Mittelalters tritt, die eigenen körperlichen Proportionen systematisch auf die Architektur und den Raum überträgt und das Göttliche in der königlichen Macht verkörpert sieht.

Die Perspektive ist ein Modell zur Konstruktion einer neuen Wirklichkeit – oder besser zur Konstruktion eines neuen Menschen. Die politischen Entwicklungen, die sich in den folgenden Jahrhunderten ergeben, wären m.E. nicht denkbar ohne eine – durch perspektivisches Sehen veränderte – Raumorganisation.

 

Dies möchte ich an einem Beispiel anschaulich machen.

Louis XIV baute bereits mehrere Jahre an seinem Versailles, um hier genau eine idealistisch geordnete Welt dem Durcheinander des mittelalterlichen Paris entgegenzusetzen – und ließ das Schloss zur Residenz auszubauen: er zog sich aus Paris zurück. Zu dieser Zeit – 1685 – lässt der Marschall de La Feuillade einen Platz für eine Königsstatue erbauen – nahezu kreisrund –als ein Geschenk an den meist abwesenden König. Die sicherlich in mehrfacher Hinsicht spekulative Maßnahme erhält dadurch Glanz und Reputation. Die Place des Victoires ist der erste Ort, wo der König zu Fuß inmitten der Stadt erscheint. Er präsentiert sich in seinem Krönungsornat – und repräsentiert königliche Macht.

Etwa hundert Jahre später wird unter Louis XV das Odéon-Theater errichtet. Es ist kurz vor der französischen Revolution. Die Zeiten haben sich geändert. Die Comédie Francaise benötigt eine neue Unterkunft.

Als ich das erste mal die Rue l’Odéon erreiche, habe ich ein erstes Déja-vue: Dieses Bild kenne ich doch. Es ist das Theater von Vicenza – die gleichen drei Straßen, die auf den Zuschauer zulaufen, leicht den Berg hinab, wie das perspektivisch verkürzte Bühnenbild. Hier betritt zum ersten mal der Bürger die Bühne. Die Freiheiten haben sich ausgedehnt. Nicht mehr nur der Adel und der Hof haben Zugang zum Theater, besser gesagt: Zufahrt – denn die Reichen fahren mit der Karosse vor. Hier werden nun zum ersten mal Bürgersteige – Trottoirs – gebaut, um dem Fußgänger, dem Bürger trockenen und sauberen Zugang zum Theater zu ermöglichen.

Aber noch ein weiteres Déja-vue habe ich, als ich zwischen den Kolossalsäulen der Vorhalle des Theaters stehe und auf das Halbrund des Platzes zurückschaue: ich habe das Gefühl, anstelle von Louis XV auf dem Place des Victoires zu stehen. Mit diesem Platz hatten die Architekten ein neues Modell geschaffen – nicht mehr der König steht in der Mitte – der Bürger selbst kann sich hier im Mittelpunkt der Wahrnehmung fühlen – es ist eine programmatische Überhöhung des Bild des Menschen, des Bürgers, der jedoch erst wenige Jahre später durch die französische Revolution seine eigentliche Souveränität erhalten soll. Hier also ein Moment in der Geschichte, in dem nach meinem Eindruck die Geste königlichen Auftritts im Raume auf den Bürger übertragen wird.

Das Modell der Renaissance ist am Vorabend der französischen Revolution bildhaft Bürger angekommen. Architektur und Kunst haben längst den Boden vorbereitet. Die Uraufführung von Figaros Hochzeit zur Eröffnung 1784 verstärkt die gesamte Programmatik. Denn hier verspottet Beaumarchais aus der Sicht des dritten Standes die politischen und gesellschaftlichen Zustände des Ancien Régime – welches sich durch dessen prompte Verhaftung dankbar erweist und die kritisierten Zustände damit vortrefflich bestätigt.

 

Das Modell perspektivischer Weltordnung hat damit noch nicht abgedankt, wie oben schon beschrieben – im Gegenteil. Wie ein neues Designprodukt, das erst einmal exklusiv und für die kulturtragende Oberschicht nur in Design- und Einrichtungshäusern hoch gehandelt wird und das dann stufenweise den Weg der Vulgarisierung bis zum Massenprodukt in Kaufhäusern hinabfindet um letztlich bei Tchibo verramscht zu werden, so ergeht es auch städtebaulichen Modellen und Leitbildern, wobei die Halbwertzeit in logarithmischer Beschleunigung abnimmt. Die Welt wird schneller – und das ist genau der Grund für den steigenden Bedarf an Blue Bags.

Aber mit weiteren wissenschaftlichen Erkenntnissen und technischen Erfindungen stellen wir fest, dass es nicht nur eine Konstruktion des Raumes gibt. Durch Eisenbahn und Telefon, Flugzeug und Auto werden verschiedene Räume und Zeiten in Relation gesetzt. Die Modelle, die im 20. Jahrhundert im Städtebau eingesetzt werden, berauschen sich geradezu an diesen technischen Möglichkeiten:

„Wir haben im Namen des Dampfschiffs, des Flugzeugs und des Autos unsere Stimmen erhoben für Gesundheit, Logik, Kühnheit, Harmonie und Vollkommenheit“ (Le Corbusier) und öffnen die Städte, lösen die Bebauung von den Straßen, schaffen offene Strukturen, rational, technisch, kühl. Der Herauslösung des einzelnen Hauses aus dem Kontext einer Straße, die Freistellung und Isolierung der einzelnen Körper setzt mit den Mitteln der Architektur das fort, was sich aus dem Idealmodell des Menschen parallel – oder in Folge? – entwickelt hat.

Unser Weltbild – unsere Perspektive zielt noch immer auf die Durchdringung der mittelalterlichen Hülle, die wir längst abgestreift haben. Aber es fällt uns schwer, zu verstehen, dass Zeiten und Räume sich längst durchdringen, ineinander stecken wie ein Blue Bag im andern – oder gar dass es Paralleluniversen gibt.

Modell Auto-mobil

Mit der Erfindung des Automobils kann sich heute jeder frei im Raume auch über große Distanzen bewegen. Aus der ursprünglichen Freiheit individueller Raumeroberung ist längst auch ein Zwang zur Mobilität geworden. Omnipräsenz ist ein göttliches Merkmal – aber auf Dauer strengt es an.

Wenn unser Modell Mensch auf der Place des Victoires noch im königlichen Ornat auf dem Sockel dargestellt wurde, so findet sich der einzelne Bürger im Ausgang des Theaters immerhin noch im Mittelpunkt einer um ihn selbst herum erscheinenden Umwelt, dessen Bauten alle Augen auf ihn zu richten scheinen.

Mit der individuellen Auto-Mobilität und der Anlage immer neuer Straßen verlieren sich jedoch derartige städtebauliche Ermutigungen – die neuen Straßen ohne begleitende Bebauung leisten das, was sie ihrem Namen schuldig sind: sie zerstreuen (sternere = verteilen, zerstreuen) – auch die Aufmerksamkeit. Je mehr wir den Menschen als Individuum massenhaft in den Mittelpunkt stellen, um so stärker gerät er an den Rand – soviel Mitte kann nicht sein.

Die vielfältigen Bewegungen strukturieren und formen heute den Raum, zerschneiden und zergliedern diesen, ohne dass wir hierfür einen neuen Blue Bag hätten – eine überzeugende Idee, wie wir dieser räumlichen Vielzahl beikommen könnten.

Auch hier wird uns Göttliches abverlangt: Gestaltungskraft. Denn wir müssen es individuell schaffen, innerhalb des Angebots unterschiedlicher Räume unser Leben auf die Bühne der Stadt zu bringen. Wir selbst sind für den täglichen, wöchentlichen oder sporadischen Szenenwechsel verantwortlich. Wir suchen die Bühnen, auf denen wir gerne spielen. Wir führen Regie, aber vor allem für unser eigenes Leben. Die Stadt ist eine Masken-Verleih-Anstalt – wir können uns die Rollen aussuchen und lernen, diese zu spielen.

Aber wir erhalten Hilfe aus den Wissenschaften, aus deren Erkenntnissen wir neue Bilder für die Organisation unserer Räume entwickeln müssen. Die klassische Perspektive ist ja nicht tot, zu sehr ist sie tatsächlich dem wahrnehmenden Auge abgeschaut. Aber unsere Wahrnehmung hat sich insgesamt verändert, und so werden sich auch die Räume verändern. Sie haben sich bereits verändert.

Die Chaostheorie hat unsere Sinne auch für Ordnungen geschärft, die sich nicht nach einer euklidischen Geometrie abbilden lassen, sondern Wachstumsregeln der Natur entsprechen. Wir werden also die inneren Wachstums- und Entwicklungsprozesse verstehen müssen, um unsere räumliche Ordnung zu erkennen und uns orientieren zu können.

Die Leitvorstellungen sind von unseren technischen Errungenschaften nicht zu trennen. Mit dem Auto-Mobil haben wir ein Instrument geschaffen, mit dem sich der Traum der Aufklärung von der Souveränität des Menschen bis auf die individuelle Ebene hinunter erfahrbar machen lässt – aber eben in der Verkürzung auf eine räumliche Mobilität. Die neuen Kommunikationsmedien erlauben die Vernetzung mit der Welt an jedem Ort. Aber gerade das macht die Orte nicht überflüssig, im Gegenteil, sie treten bei einer hochmobilen Gesellschaft in Konkurrenz, Arbeitsplatzangebote und wirtschaftliche Kraft einer Region sind unverzichtbare Voraussetzungen – wichtig aber werden zunehmend die weicheren Standortfaktoren wie erlebbare Natur und Landschaften, Identität durch städtische Zentren und deren Geschichte und Atmosphäre, Natur, Bildungs-, Kultur- und Freizeitangebote.

Die Ausprägung der Orte, die Herausarbeitung des Lokalen, die Gestaltung der Räume, in denen wir uns bewegen und aufhalten wollen wird also wichtiger. Der Verbund einzelner Lebensräume zu einer lebenswerten Stadt-Landschaft mit eigenem Profil, geprägt von den historischen Zentren, unzerstörten und unverbauten Naturräumen, eingebetteten Dörfern, Siedlungen und auch Industrie- und Gewerbegebieten wird zur Voraussetzung für die regionale Bedeutung.

Solange jedoch ein inneres Modell, das Einfamilienhaus, bundesweit die Wünsche und das Handeln einseitig beherrscht, vom einzelnen Bürger angefangen über die Wirtschaft bis zur Steuerpolitik, solange werden wir uns schwer tun, Modelle der Stadt zu entwickeln, die gleichzeitig ökologisch nachhaltig sind. Die Stadt verträgt sozial und gesellschaftlich auf Dauer weder den Auszug ihrer Bürger ins weitere Umland noch physisch-räumlich deren konzentrierte, tägliche Rückkehr mit dem Auto.

All die Strukturmodelle und Leitbilder, von der Raumordnung über Landes- und Regionalplanung zu kommunalen Entwicklungsplänen, durchaus modellhaft ausgearbeitet, stoßen sich heute an überzogenen Freiheitsversprechungen auf der einen Seite und der Forderung gleicher Lebensbedingungen für alle – und das heißt in allen Teilräumen der Republik.

Was also Not tut, ist eine weitere Differenzierung der Sicht – nicht eine Perspektive für alle, sondern viele, unterschiedliche Perspektiven als Angebot – nicht eine standardisierte Landschaft sonder ein Vielfalt von Räumen und interessanten Orten.
Es macht also Sinn, wenn wir in unserem Fach den Ort in seiner Unverwechselbarkeit, seiner räumlichen und zeitlichen Besonderheit ausprägen – den genius loci in Modellen herausarbeiten.

Wir schaffen es dabei natürlich nicht, die impliziten Modelle des Menschen und der Gesellschaft hierbei außer Kraft zu setzen – sie sind mehr oder weniger reflektierter Bestandteil.

Anhand der baulichen und räumlichen Konstruktion unser gebastelten Modelle erörtern wir Idee und Klarheit des Konzepts, Einordnung in Zusammenhänge wie Stadtgrundriss und Geschichte, Raumbildungen vom Innenraum bis zum öffentlichen Raum und zur Landschaft, Funktion, Ordnungen, Vielfalt, Anregung, Ästhetik, innere und äußere Beziehungen, Rücksicht auf Bestand bis hin zu Konstruktion, Technik und Detail.

Es ist die innere Logik und Stringenz, die zum Maßstab gemacht wird, denn darüber sind wir uns klar: wir können die Zukunft nicht linear aus der Vergangenheit ableiten. Alle analytischen Modelle helfen zur Erkenntnis des Vorhandenen – wir denken und arbeiten jedoch immer in eine Zukunft, die gestaltet werden will. Insofern entwerfen wir immer und immer wieder – und verwerfen immer wieder wenn nötig, wenn wir unsere Ideen erst einmal aus dem Blue Bag entlassen und zur Diskussion gestellt haben. Nicht wir bauen. Die Menschen bauen. Wir zeigen Modelle, in denen sie mit ihren Träumen spazieren gehen können – falls sie nicht nur Auto fahren wollen. Aber wir bauen auch Garagen.