10. Dezember 2000

Mit den Augen eines Architekten

Filed under: Vorträge — Walter Ackers @ 20:00

Peter Färber – Mit den Augen eines Architekten
Skizzenbücher, Zeichnungen, Aquarelle

Zur Ausstellungseröffnung am 10.12.2000 im Städtischen Museum Braunschweig

Ein toller Hecht

Hechtkopf, gespitzelte Zähne, scharfer Blick – auch ohne Augen, sich durchs Leben gebissen und andere um dasselbige gebracht. Gebrochenes Rückgrat, Gräten wie Säbelklingen – über den Tod hinaus aggressiv, gefährlich. Auf dem Papier: harte Schraffuren, Schwärzen, zerfetztes Weiß.

Richards toller Hecht.

31.12.99. Am letzten Tag des letzten Jahrtausend skizziert, radiert Peter Färber einen letzten Blick auf die tote Kreatur. Nature morte. Mit schriftlicher Gebrauchsanweisung, in Originalton: „Hecht nach Braunschweiger Art. Zuerst mit einem dicken Knüppel totschlagen, gründlich Innereien rausreißen, Schuppen von der Haut kratzen und innen und außen einsalzen. Ihm bei 200 Grad Gelegenheit zur Reue wegen der Karpfen geben, mit Riesling und Sahne übergießen und ihm zuguterletzt ein gutes, gesundes Neues Jahr wünschen.“

Der Architekt sieht nicht nur. Er fühlt, er riecht, er hört, spürt dem Leben nach und dem Tod, sucht, nähert sich den Dingen, beobachtet, findet und empfindet. Jedenfalls Peter Färber. Und erst, wenn alles erfühlt, bestaunt, beschaut, erarbeitet, ja verinnerlicht ist – oder in diesem Falle noch präziser: geschmeckt, auf der Zunge zergangen und verdaut ist, widerfährt der Natur die größte Hochachtung: sie wird in Skizzen, in Aquarellen und Zeichnungen abgebildet und vor dem Schlimmsten bewahrt – vor dem Vergessen.

Und so bleibt er in Erinnerung, der Hecht und sein Ableben, das Peter Färber mir hier mimisch erzählend darstellte: die Schläge auf den Kopf, das Schnappen nach Luft, das Aufbäumen, das Zusammenfallen, der Tod. Und der plötzliche Biß in Peters Finger, als er meinte, sich dem toten Fisch gefahrlos nähern zu dürfen. Es gibt doch ein Leben nach dem Tode. Zumindest für Hechte.

Mit dieser etwas ausführlichen Darstellung möchte ich Ihnen vermitteln, in welcher Weise über die Darstellung im Bild das Gesehene von ihm verinnerlicht wird. Die Zeit des Zeichnens, des Aquarellierens ist eine Zeit des Bedenkens. Das Thema wird bedacht. Mit großer Sorgfalt, nicht expressiv überformt. Mit großer Achtung, manchmal altmeisterlich, jedenfalls nicht flüchtig.

Das gilt nicht nur für all die Krebse, Fische, Langusten, die toten Vögel und Schweineköpfe – das gilt auch für die Stadtansichten und Architekturen, die Kloster und Landschaften. In allen ist der Aspekt der Zeit für mich zu spüren. Die Vergänglichkeit ist wie ein erdiger Grundton, der all seine Bilder kennzeichnet, auch dort, wo ein Umbra garnicht verwendet wurde, wie in seinen Zeichnungen und Radierungen. Es ist eine irdische Stimmung.

Dieser Zustand des Verfalls, der Spuren der Vergänglichkeit, manchmal Folgen der Gewalt sind ihm Anlaß für einen vielschichtigen Bildaufbau mit komplexen Strukturen, Räumen und Schraffuren – wie zum Beispiel in der Radierung der Ruine des Braunschweiger Schlosses, des abgestürzten Zuges oder dieser lustvoll bedrohlichen Gebirgslandschaft – die tiefe Schlucht, die massiven Felswände durch Streben, Balken, Sparren gestützt – ein vergeblicher, lächerlicher Versuch angesichts der drückenden Massen. Und es liegt in der Macht des Zeichners, diese Welt zum Einsturz zu bringen, wie in der Radierung „Atzkos schöne Ruinen“.

Architektur!

Dieser phantastischen Innenwelt, dem Chaotischen und Dunklen gegenüber steht die Architektur in seinen Skizzen und Aquarellen, die Ordnung von Körper und Raum in differenziert nachvollzogenem Aufbau. Architektur als Ausdruck menschlichen Bemühens, Ängste und Aggressionen zu überwinden, Schönheit unvergänglich zu machen, Lebensmaßstäbe zu setzen für unsere Zivilisation.

Dies ist sein eigentlicher Beruf: Architekt Seine Berufung – nicht eine Kammerzugehörigkeit! Und mit den Augen des Architekten erkundet er den Raum, die Komposition von Körpern, Material, Farbe, Licht. Mit Bleistift und Pinsel verteilt er Hell und Dunkel, Licht und Schatten, Höhe und Tiefe, Farbe und Grautöne.

Zum Beispiel die Skizze des Theatro Olympico in Vicenza von 1997: Architektur. Die Geometrie des rechten Winkels als menschliche Ordnung – aufbauend auf unserer körperlichen Wahrnehmung – immer senkrecht zur Erdoberfläche, unser Umfeld geordnet in das Koordinatensystem unserer Sinne – vorne, hinten, links und rechts – oder wie bei den Stadtgründungen der Römer: Cardo und Decumanus. Diese Geometrie jedoch nur dann menschlich, wenn sie wie hier gegliedert, differenziert, mit menschlichen Proportionen versehen ist – Übersetzungshilfen für unser Selbstgefühl, für unsere hypothetische Bewegung im Raum. Innenraum oder Außenraum? Fassaden, Gliederung durch Säulen- und Pfeilervorlagen, Gesimse.

Das Auge hierbei als unser Sinnesorgan, das am weitesten reicht, im Laufe der Menschheitsgeschichte geübt, Entfernung, Dimension, Räume, Oberflächen und Materialien zu erkunden, ohne sie erst begreifen zu müssen. Hieraus abgeleitet die Konstruktion des Raumes, wie sie als Technik der Perspektive in der Renaissance von der Aristokratie als neue Kunst im Theater erprobt wurde – die städtische Straße mit perspektivischer Verkürzung, als Bühnenbild – quasi virtueller städtischer Raum – eine Sicht auf die Welt geworfen, die Augen des Architekten eingesetzt zur Konstruktion der neuen Stadt in der Stadt.

Es sind die Augen, die Peter Färber als Hochschullehrer übt, die Augen seiner Studenten. Denn diese sollen lernen, Raum, Architektur und Landschaft zu sehen, ihre Gestalt innerlich zu erfassen und sie in Umkehrung zu Papier zu bringen. Am Anfang steht das Sehen. Dann folgt die Schulung der Hand. Die Technik, um innerlich Verarbeitetes auszudrücken, dem Gesehenen Bedeutung zu verleihen. Am Ende steht wieder das Sehen, für uns – wenn es uns gelingt, diese Deutungen zurückzuübersetzen in unser Erleben.

Beneiden kann man ihn um all die schönen Reisen in die reichsten Kulturlandschaften, die Toskana, den Pelepones, nach Sizilien und nach Malta, nach Polen, Ungarn, in die Türkei, nach Jordanien und Tunesien, Studienreisen mit Architekturstudentinnen und –studenten, ein jährliches Ritual, immer zu Pfingsten. Und ein Großteil der Arbeiten hier sind Ergebnis dieser Reisen.

Nähe

Stadträume, Plätze, Ansichten und Landschaften. Jedes Bild ein Stück Kulturgeschichte – und über das Verweilen, das Bedenken, innere Bearbeiten, das Darstellen auch ein Stück persönlicher Geschichte. Das ist einer der großen Unterschiede zur schnellen Fotografie. Nur aus der Annäherung und Nähe lassen sich Zeichnungen und Aquarelle fertigen. Und immer ist man selbst präsent, wird selbst zum Objekt der Betrachtung. Zuerst die Kinder, die die Zeichnenden entdecken, von hinten neugierige Blicke auf das Blatt und von vorne neugierige Fragen an die Malenden werfen. Malst Du mich mal? Dann einzelne Erwachsene, verhaltener, aber ebenso interessiert, langsam Kontakte aufbauend. Und eine Exkursion mit 20 Studenten wird zum Ereignis, vor allem in kleineren Städten. Raum ist nicht ohne Nähe zu haben. Architektur ist persönliche Präsenz, nicht virtueller Raum. Ästhetik bedeutet Wahrnehmen – und erst, wenn wir Gesehenes wahren wollen, als wahr annehmen – wie in diesen Skizzen – bedeuten wir es mit Schönheit.


„Alles ist schön, was wir mit Liebe betrachten.
(Vincent van Gogh)

Nähe, Einlassen, Erzählungen und Begegnungen stehen sozusagen hinter den Bildern, bilden die ganz persönliche Beziehung zum Ort und zur Zeit – etwas, was wir nur erahnen können.

Sie möchten gerne noch etwas über die künstlerische Bedeutung und Einordnung seiner Arbeiten hören? Seinen Zeichen- und Malstil? Die Art, wie er die Farbe setzt, mit wenigen Pinselstrichen und Farbflächen griechische Tempel in arkadischer Landschaft entstehen läßt? Vergleiche ziehen zu Altmeistern des Plastischen wie Rodin, des Hell-Dunkels und eines phantastisch flüssigen Zeichenstrichs wie bei Rembrandt, oder zur bissigen Härte eines Horst Janssen oder der Farbigkeit eines van Goghs? Oder die konzentrierte und kontrollierte Bewegung des Pinsels wie in japanischen Tuschezeichnungen – nahegebracht durch seine Atzko?

Aber sehen Sie doch selbst hin – da hängt doch alles um Sie herum. Vergegenwärtigen Sie sich einige Minuten der Momente, in denen diese Bilder entstanden sind, wo Peter Färber sitzend oder auch stehend, vermutlich immer etwas vor sich hin bruddelnd, mit hintergründigem Humor, sprachschöpfend, manchmal mit frostigen Händen am frühen Morgen, ein andermal schwitzend oder die viel zu schnelle Verdunstung beklagend, aquarelliert hat.

Es ist ja nicht das Bemühtsein um Kunst, das Peter Färber bewegt – auch wenn hierüber Kunstwerke entstehen. Es ist sein Interesse, der Schönheit und Besonderheit des Ortes und des Raumes Ausdruck zu verleihen. Und mit den Augen eines Architekten die Welt zu erfassen. Und umgekehrt über das Zeichnen und Aquarellieren die Augen der jungen Architektinnen und Architekten für die Welt zu begeistern.

Dank

Ich danke Dir, lieber Peter Färber, daß Du mich um diese kleine Einführung gebeten hast. Ich fühle mich geehrt. Denn wir alle wissen: eigentlich hätte hier Peter Lufft stehen müssen – hier, wo erst vor einem Jahr – oder sind es schon zwei ? – seine letzte Ausstellung stattgefunden hat – sein Nachlaß. An ihn denken wir immer wieder mit besonderer Achtung und auch Freude. Er hätte kompetentere Sprache gefunden. Aber vielleicht hätte er damit sogar das Gleiche ausgedrückt. Es geht um die Nähe.

Walter Ackers