10. November 1999

Stadt Bau Kunst

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Festvortrag am 10. November 1999
im Rahmen der Verleihung des Peter-Josef-Krahe-Preises,
dem Architekturpreis der Stadt Braunschweig

Am frühen Morgen, wenn noch leichter Nebel blaugrau in der Luft liegt, die Sonne flach durch die dunklen Stämme und das helle Grün schneidet, den äußersten Rand des Rasenplatzes erreicht und die Weite des langgestreckten Ovals offen vor mir liegt wie der neue Tag, wenn ich – immer wieder geblendet von den horizontalen Sonnenstrahlen – meinen Rhythmus dem Wechsel von Licht und Schatten der Dreierreihen Kastanien angepasst habe, die mir zwei Kolonnadenwege um diese städtische Arena anbieten, im Mittelpunkt diese schwarze Magnetnadel der Zeit, der gußeiserne Obelisk, bewacht von vier liegenden, kinderfreundlichen Löwen – dann atme ich tief durch, atme auf, vergesse mein Tagesprogramm, finde zu mir, genieße das Licht, die Frische und die Schönheit des Ortes: Glücksmomente.

Braunschweiger Glück. Der Löwenwall: ein Kunstwerk der Stadtbaukunst.. Eingeordnet in ein stadtumgreifendes System von Achsen, Promenaden, Alleen, gefassten neuen Stadteingängen mit Torhäusern, Brücken, Monumenten, wohlproportionierten Plätzen und städtischen Parks. Der geometrische, rationale Plan stand in größtem Kontrast zu der Enge der mittelalterlichen Stadt, die unter dem Druck des Festungsgürtels sich nur nach innen hatte entwickeln können.

Peter Joseph Krahe

Peter Josef Krahe hat diesen Umbau der barocken Verteidigungsanlage im Auftrag des Herzogs Carl Wilhelm Ferdinand seit 1803 übernommen. Aus dem Vaubanschen Befestigungssystem mit Bastionen, Ravelins, Kurtinen, Gräben, dessen laufende Unterhaltung die Finanzen der Stadt schwer belasteten, entwickelte Krahe eine repräsentative Stadtanlage, die mit Parks, großzügigen Gärten und 75 Grundstücken einen grünen Ring im Übergang zur Landschaft bildete: Braunschweigs schönster Ring.
Herzogliche Selbstdarstellung mit Rücksicht auf die wachsende Bedeutung bürgerlicher Kräfte erlaubten Krahe diese großartige Umwandlung einer Militäranlage. Die Stadt konnte ihre veraltete, überflüssig gewordene kriegerische Rüstung ablegen und sich auch nach außen zivil, also friedlich und bürgerlich kleiden. Dies neue, großstädtische Gewand entsprach dem Geschmack der Zeit, der sich an der Klassik orientierte, rationale und klare Formen suchte und die geometrischen Konstruktionsmöglichkeiten des Raumes auslotete.

Das ganze Unternehmen war ein durchaus pragmatisches Konzept, gesellschaftlichen Wandel und politische und wirtschaftliche Aufgaben in einem neuen Raumgefüge unterzubringen. Städtebau war konsequenter Teil einer umfassenden Stadtentwicklung, keineswegs ein rein künstlerisches Projekt. Der Verkehr wurde neu geordnet, die Zugänglichkeit der Stadt und die Anbindung des Landes verbessert – die Netze nach außen wurden ausgebaut, Fahrzeuge und Fußgänger nebeneinander friedlich angeordnet. Die Kunst lag in der Berücksichtigung und Umsetzung all dieser Funktionen und Faktoren in eine übergreifende Ästhetik im Raum, in der Zweckmäßigkeit – wobei dem Raum menschliche, soziale Dimension verliehen wurde und dieser nicht zuletzt auch als Orientierungssystem der politischen und gesellschaftlichen Ordnung diente.

Diese neuen Stadträume bildeten den Rahmen, in dem die Ästhetik einer klassizistischen Raum- und Architekturauffassung wirksam werden konnte: städtischer Raum, für jedermann zugänglich und nicht nur dem Hofe vorbehalten, Promenaden auch für den Auftritt des Bürgertums. Repräsentative Villen fanden hier einen angemessenen Rahmen. Die immer noch geradezu modern anmutende Erscheinung dieser v.a. an Palladios Villen orientierten Bauten überzeugt auch heute noch. Klare, wohlproportionierte Baukörper und Fassaden, fast schmucklos in die Wand eingeschnittene Fenster, nur wenige Gliederungselemente und flach geneigte Dächer – Flachdächer – Krahe ist hier wie z.B. mit seiner Villa „Salve Hospes“ beispielhaft für Zurückhaltung und Maß. Welch ein Kontrast zu den mittelalterlichen Fachwerkhäusern. Welche kühle, rationale Haltung.

Die Neugestaltung der Wallanlagen war in unserem heutigen Sinne gleichzeitig Stadtmarketing: Die repräsentativen Stadteingänge waren Veduten des Städtebaus, empfingen den Reisenden und erlaubten über ihr Ringsystem einen schnelleren Zugang der einzelnen Stadtteile als durch die engen mittelalterlichen Straßen. Der farbige Druck des Stadtplans, der 1826 von Carl Wilhelm Schenk herausgegeben wurde, muß als solche Stadtwerbung verstanden werden. Er zeigt sehr anschaulich die neue Konzeption der Wallanlagen.

Alles in allem also eine umfassende Maßnahme der Stadtentwicklung, die nicht auf der Ebene einer Flächennutzungsplanung und Funktionszuweisung stehen blieb, sondern ausdrücklich die Wahrnehmung im Raum überlegte und die Wirkung und das Erscheinungsbild des gesamten Gefüges sorgfältig bedachte. Ästhetik bedeutet im griechischen: Wahrnehmung. Aus diesem reflektierten Bauen, zweckmäßig und auf Ästhetik bedacht entstand eine neue Stadt. Es war nicht mehr die mittelalterliche Stadt. Durch die neue Codierung des Raumes wurde auch die Stadt neu interpretiert – zwar nicht so radikal, wie das in den folgenden beiden Jahrzehnten Haussmann in Paris vorführte, indem er das chaotische mittelalterliche Paris mit seinen Achsen wie mit dem Skalpell sezierte und neu ordnete.
Braunschweig entfesselte, wie auch andere Städte, die bürgerlichen Kräfte und den Stadtkörper und öffnete das Umland. Dies war eine revolutionäre, aber von oben eingeleitete Entwicklung, zum Teil weitergehend als in Preußen, wo dank der Reformen des Freiherrn vom und zum Stein und von Hardenberg alte Abhängigkeiten auf dem Lande (Erbuntertänigkeit) und Verkrustungen wie die Ständische Ordnung in der Stadt aufgelöst wurden. Mit der neuen Gewerbefreiheit wurden die Voraussetzungen für die nun aufbrechende Zeit der Industrialisierung geschaffen. Der Liberalismus löste den aufgeklärten Absolutismus ab.

Nun dürfen wir nicht glauben, daß dies alles in Zeiten goldenen Überflusses geschah. Im Gegenteil. Nach der napoleonischen Besetzung gab es wirtschaftliche Krisenjahre und der Umbau der Anlagen zog sich bis 1830 hin. Der Löwenwall als Monumentsplatz bildete neben dem Gaußberg eine der letzten Maßnahmen, die Krahe realisierte. Welch eine Ausdauer und Konsequenz: fast dreißig Jahre gemeinsamer Wille und entsprechende Bereitstellung der finanziellen und personellen Mittel. Fast 30 Jahre persönliche Kontinuität eines – nun, nennen wir ihn doch Stadtbaurat. Um wieviel ärmer wäre Braunschweig ohne diesen grünen Stern der Okerumflut mit seinen öffentlichen Räumen und Architekturen? Aus dem martialischen, kriegerischen Festungsstern wurde eine friedliche und verbindende Geste nach außen: Herzlich willkommen – wie das auch der Stadtplan verdeutlichte.

Stadtbaukunst

Wenn wir von Stadtbaukunst sprechen, so denken wir an solche großen Entwürfe, die auch tatsächlich realisiert worden sind, die ihre prägende Kraft bis heute behalten haben und wesentlich zur städtischer Unverwechselbarkeit beitragen. Zu damaliger Zeit gab es den Bauherrn, meist den Regenten, der mit großer Machtfülle und – aufgrund der genossenen ästhetischen Erziehung – oft genug auch mit kultureller Kompetenz und Kunstverstand das Bauen an der Stadt leitete und Baumeistern und Architekten Raum und Rahmen für ihr Wirken gaben.

Aber auch damals war es die Verbindung des Notwendigen mit dem Überflüssigen, des Zweckmäßigen mit dem scheinbar Zwecklosen, des Möglichen mit dem Unmöglichen, des Technischen mit der Kunst. Denn der Löwenwall in seiner Größe und Form war überflüssig.

Ich bin kürzlich auf ein Zitat von Friedrich von Schiller gestoßen, in dem er sich angesichts der Folgen der französichen Revolution und der Erschütterungen in Europa Gedanken über den neuen Stellenwert der Kunst machte (Friedrich Schiller, 1793/94 in: Über die ästhetische Erziehung …, Zweiter Brief. Gesammelte Werk. Achter Band. Berlin 1955):

„( … und) die Kunst ist eine Tochter der Freiheit, und von der Notwendigkeit der Geister, nicht von der Notdurft der Materie will sie ihre Vorschrift empfangen. Jetzt aber herrscht das Bedürfnis und beugt die gesunkene Menschheit unter sein tyrrannisches Joch. Der Nutzen ist das große Idol der Zeit, dem alle Kräfte fronen und alle Talente huldigen sollen. Auf dieser groben Waage hat das geistige Verdienst der Kunst kein Gewicht, und, aller Aufmunterung beraubt, verschwindet sie von dem lärmenden Markt des Jahrhunderts. Erwartungsvoll sind die Blicke des Philosophen wie die des Weltmannes auf den politischen Schauplatz geheftet, wo jetzt, wie man glaubt, das große Schicksal der Menschheit verhandelt wird.
Ich hoffe, sie zu überzeugen, daß man, um jenes politische Problem in der Erfahrung zu lösen, durch das ästhetische den Weg nehmen muß, weil es die Schönheit ist, durch welche man zu der Freiheit wandert.“

Ein nachdenklich stimmender Satz: „weil es die Schönheit ist, durch welche man zu der Freiheit wandert“.

Was steckt dahinter? Wir sollen durch das ästhetische Problem den Weg nehmen.
Wir wollen alle unsere Freiheit. Möglichst viel. Zum Beispiel Baufreiheit – bauen können, wie man will. Aber diese Freiheit endet spätestens am Grundstück des Nachbarn. Das Problem der Freiheit ist ihre Bindung, sind die Grenzen, die wir ihr setzen. Und angesichts der endlosen Anzahl von Bedürfnissen, individuellen Nutzen und Interessen (les intérêts sind im Französischen auch der Profit) wissen wir nicht mehr, wie wir diese abwägen sollen. Alle haben recht – alle wollen alles und noch mehr. Alles wird zum Bedürfnis – und, z.B. verkehrstechnisch oder wohnungswirtschaftlich hochgerechnet zum Bedarf – und als weitere Steigerung habe ich auch schon von Bedarfen sprechen hören. Diese Bündelung individueller Bedürfnisse in einen massenhaften Bedarf legitimiert ganze Heerscharen von Fachplanern, erst einmal losgelöst von jeder Bindung, diesem Bedarf Raum zu verschaffen . Das Zentrum wird ausgebaut- bis wohin. Großsiedlungen. Schnellstraßen. Alles ist Bedarf. Verkehrsbedarf. Wohnungsbedarf. Am Ende und am Anfang steht der Investitionsbedarf, bei dem menschliche Bedürfnisse nun wirklich keine Rolle spielen.

Das Fatale ist, daß der Bedarf keineswegs mehr dem Bedürfnis entspricht. Denn das Bedürfnis, in einer großen Masse zu wohnen, standardisiert, in ungegliederten Räumen gibt es nicht. Da haben sich die Planer etwas zurechtgerechnet.

Nur – mit dem Bedarf als Maß kommen wir effektiv nicht weiter. Denn er bündelt meist etwas, das gerade nicht gebündelt werden will. Der Bedarf ist die Legitimation des Technokraten und Bürokraten. Und die Summe der verschiedenen Bedarfsrechenarten ist mit Sicherheit keine Stadt. Die Frage konkurrierender Bedürfnisse kann nur aus der Begrenztheit von Raum beantwortet werden. Und Städte sind immer begrenzter Raum, auch wenn wir uns nach außen öffnen.

Zum Beispiel möchte jeder gerne wenigstens einen größeren Balkon oder eine Dachterrasse oder Loggia. Es wollen garnicht alle ein Einfamilienhaus, draußen, mit dem Zwang täglicher Wege. Aber fast jeder möchte einen Raum im Freien, ein kleines Paradies, das zum Garten werden kann – oder umgekehrt: also ca. 10 bis 40 qm. Wir können dieses Bedürfnis zu einem gemeinsamen Hausgarten hochrechnen – also zu einem Gartenhof von 200 oder 400 qm Größe. Wenn wir die Bewohner vorher fragen würden, würden sie sagen: also bitte zuerst den Balkon mit 20 qm. Und dann einen sicheren und sonnigen Platz für die Kinder am Haus. Das Naheliegende ist das wichtigste. Und die Menschen wägen ab vor allem nach Qualitäten – dann erst nach Quantitäten. Und wenn wir ihnen rechnerisch die private Freifläche in 3 Kilometer Entfernung als Schrebergarten anbieten, so werden sie diese nur dann begeistert annehmen, wenn wir ihnen ihr eigentliches Bedürfnis vorher gründlich verbaut haben. Das heißt: es kommt auf die Struktur und Körnung an – und das ist eine ästhetische Fragestellung: lassen sich die Dinge sinnvoll zusammenbringen, kann ich mich darin wohlfühlen? Erschließt sich der Raum meinen Sinnen – ist also sinnlich? Ist er mehr als ein Adressbuch mit Hinweisschildern?

Andererseits wechseln die Bedürfnisse: erst im Alter erkennen manche die Bedeutung des Gehens – wenn es nicht mehr geht, erst mit Kindern lernt man die Bedeutung ruhiger Straßen und breiter Fußwege, erst ohne Auto lernt man die Nähe von Geschäften schätzen. Das heißt: es darf nicht ein einziger Bedarf den Ort, den Raum bestimmen.

Das einzige Bedürfnis – neben unseren Grundbedürfnissen – das sich als dauerhaft herausgestellt hat, ist das Bedürfnis des Menschen, sich je nach eigenem Befinden anders verhalten zu können, wählen zu können. Dieses Bedürfnis rankt sich um unsere Grundbedürfnisse und Triebhaftigkeit: Essen. Trinken. Schlafen. Lieben. Anregung. Neugier. Angst. Lust. Wir selbst mit all unseren Sinnen möchten rings um uns herum diese Möglichkeiten aufgebaut wissen. Geschützte Räume, zur Entdeckung anregend, Menschen, die uns freundlich entgegenkommen, neue Dinge, Erinnerungen, schöne Plätze usw.
Aber all das sind letztlich Fragen der Gestaltung: wie sind diese Dinge im Raum zu einander gefügt? Der Raum wird zum Maßstab, der Raum, in dem wir uns wohlfühlen. Unsere Wahrnehmung und Empfinden von Schönheit können nur der Maßstab sein. Dieses Bedürfnis nach Wohlfühlen im Öffentlichen – nicht nur im Privaten der Wohnung oder des Autos – läßt sich nicht zum abstrakten Bedarf hochrechnen – es muß im Gegenteil auf jede einzelne Situation hin gestaltet werden. Die Differenzierung liegt in der Ausprägung der unterschiedlichen Orte.

Wenn wir heute von Stadtbaukunst sprechen wollen, so liegt die Kunst vor allem darin, die sogenannten Bedürfnisse und den hochgerechneten Bedarf durch Planung zu meistern und divergierenden Ansprüche zu konzertieren. Aus einem falschen Programm kann kein guter Entwurf resultieren. Auch ein Peter Josef Krahe würde sich hieran die Zähne ausbeißen.

Bei meinen Vorbereitungen für diesen Vortrag kam ich auf die Idee, einmal im Internet nach Peter-Josef Krahe zu suchen. Die Virtualisierung ist ja viel weiter fortgeschritten als wir mit unseren Wünschen. Tatsächlich, ich habe seine Homepage gefunden – unter necropolis1840.de – und mich in den letzten Tagen mehrfach mit ihm per e-mail ausgetauscht. Toll. Einfach toll.
Seinen Friedrich Schiller kannte er natürlich gut und hat mir deshalb als erstes folgende Sätze übermittelt:

„Macht mir den öffentlichen Raum zum Maß. Was sich nicht im Raume binden und zum Einklang in Schönheit bringen läßt, darf sich nicht realisieren. Das ist das Maß unserer Wahrnehmung und unseres Wohlbefindens. Was dieses Maß nicht findet ist maßlos und gefährdet Eure Freiheit. Laßt es. Laßt die Maßlosen doch Hannover verbauen.“

Ich habe ihm dann den Stadtplan, einige Luftbilder und Fotos von heute eingescannt. Er hat seine Werke wiedergefunden und war freudig erregt, als er seinen Löwenwall wiederentdeckte und andere Teile der Wallanlagen. Die Idee mit dem Theater und dem neuen Stadtzugang über die Jasperallee fand er recht ordentlich – das östliche Ringgebiet selbst erschien ihm eigentlich zu schematisch, zu gedrängt, und die Architektur zu oberflächlich, zu aufgesetzt und nicht modern genug. Aber er meinte – ich zitiere –

„Dieser Ludwig Winter muß ja ein ziemlich unerträglicher Romantiker gewesen sein, richtig verkitscht, aber immerhin, er hat sich an den Raum gehalten und hat die verschiedenen Kräfte anschaulich im Stadtraum versammelt“.

Und „Nicht schlecht“ hat er gesagt, „Nicht schlecht“.

Vieles hat ihn erstaunt. Ich mußte ihm erst verschiedene Ereignisse der letzten 160 Jahre berichten. Erschüttert war er von den Zerstörungen des zweiten Weltkriegs.

Umso erfreuter war er über die Reparatur des Stadtgrundrisses durch das kleine Haus und die Schließung der Stadträume durch das Cinemaxx, die Ecke am Schild und Sack mit dem Langerfeldthaus, ebenso wie das Bürohaus in der Mandelnstraße, deren klare, moderne Sprache seiner Auffassung von Architektur sehr entsprach – die beiden letzten nannte er annerkennend glänzende städtische Glasbausteine.

Aber: Soll ich Ihnen sagen, was er zu den Plänen für die neue VW-Halle gesagt hat? Bei der ersten Fassung, die auf dem Sockel und mit dem Scheunendach: „Mein Gott“, sagte er, „laß diesen Kelch an Braunschweig …“ Ich hab ihn unterbrochen und gesagt: „Er hat.“ Und hab ihm die letzten Pläne und Informationen durchgegeben. „Gott sei Dank“ meinte er „das war aber knapp“.

Dann hatte er mehrere Fragen zum Thema Straßenbahn. Nein, über die Gördelinger Straße haben wir noch garnicht gesprochen. Aber er hat sich über all diese Trennungen der Straßen geärgert, diesen Eigenmächtigkeiten beim Bohlweg, Wendenstraße usw. Er fragte doch tatsächlich

„Wozu sind denn eigentlich diese Barrikaden in den Straßen? Gegen wen kämpfen die denn? An diesen Trennungen geht doch die Stadt kaputt. Gibt es denn keinen Stadtrat? Wir waren 1808 so euphorisch über die neue Städteordnung und unsere Selbstverwaltung. Entscheidet das denn die Bahngesellschaft alleine?“

Er kannte die Verkehrs-AG noch nicht. Ich habe ihm versprechen müssen, mich noch einmal selbst schlau zu machen – ich wüßte das auch nicht so genau.

Aber andererseits fand er es ganz toll, daß die Innenstadt mit soviel Anstand und Qualität neu gepflastert wurde. Er meinte:

„Laßt nur. Man kann es nicht allen Leuten recht machen. Macht es solide. Und macht den öffentlichen Raum wertvoll. Wenn er Euch nichts wert ist, wie soll er dann den Menschen etwas wert sein. Solide. Wertvoll. Schön. Nicht gefällig, das korrumpiert und verbraucht sich.“

Und im Zusammenhang mit dem Öffentlichen Raum ist bei mir noch eine Mahnung hängen geblieben, wörtlich:

„Holt um Gottes willen die Autos von den Bürgersteigen. Die Menschen laufen Euch doch sonst weg aus der Stadt, wenn sie dort nicht einmal aufrecht und gelassen promenieren können. Warum schreitet Eure Polizei denn nicht ein?“

Was sollte ich ihm sagen? Er war erst beruhigt, als ich ihm die Kastanienallee und das Bahnhofsviertel zeigte und ihm versprach, daß das in den anderen Straßen ähnlich gemacht werden würde. Man sei auf dem besten Wege. Hoffentlich habe ich ihm nicht zuviel versprochen.

Eigentlich hatte ich ihn ja nur fragen wollen, was er denn von dem Peter-Joseph-Krahe-Preis hält und vor allem von unseren Entscheidungen in diesem Jahr. Seine Antwort:

„Wenn ich es recht bedenke, so habt ihr wohl die Architekturen ausgezeichnet, die am klarsten an der Stadt und am Öffentlichen weitergebaut haben – und dies ohne allzuviel Gefälligkeiten und Eitelkeiten. Sauber. Ich gratuliere den Architekten zu Ihren Bauherren. Und ich gratuliere den Bauherren zu ihren Architekten. Und ich gratuliere der Stadt und ihren Vertretern in Rat und Verwaltung. Sollen so weitermachen.“

Aber dann ist mir ein fataler Fehler unterlaufen, denn ich hatte vorgehabt, ihn zu bitten, für alle ausgezeichneten Arbeiten ein kurzes Statement abzugeben. Doch dazu kam es nicht mehr. Ich hatte ihm versehentlich den Werbeprospekt für das Happy Rizzi Haus mit durchgegeben. Von da an ist der Kontakt unterbrochen. Er ist tödlich beleidigt. Er hat sich aus dem Netz ausgeklinkt.

Und deshalb muß ich jetzt die Projekte selbst vorstellen.

Zeitenwechsel: Maschinenfabrik Selwig & Lange, Sophienstraße 39/40

Bauherr: wir design Architekten: O.M. Architekten: Ottinger, Möhlendick

Kopfschmerzen. Einige Leute klagten über Kopfschmerzen, nachdem sie in der Halle gefeiert hatten. Wegen unzumutbarer Altlasten konnte die Halle nicht weiter öffentlich genutzt werden. Öl. So erinnere ich mich wenigstens. Aber vielleicht leide ich selbst an den Spätfolgen meiner Aufenthalte in der Wichmannhalle. Ich habe nie verstanden, wieso Menschen bis kurz vorher 40 Stunden und mehr an solchen Orten arbeiten durften, es nun aber unzumutbar sei, einige Stunden dort freiwillig zu verbringen.

Aber ich freue mich, daß aus diesen Arbeitshallen neue Arbeitshallen geworden sind, die den Ausdruck der Industriezeit und der körperlichen Arbeit geschont haben – sie zum Teil einer Schönheit gemacht haben, welche die früheren Arbeiter wohl so nicht empfunden haben. Durch frei hineingestellte Stahlkonstruktionen, durch transparenten Ausbau mit Glaswänden wird der Charme der Werkhalle erhalten, die Geschichte verbindet sich mit der modernen Formensprache, ergänzt diese. Der Ort behält seine Authentizität, die Architekten schreiben an seiner Geschichte weiter.

Damit verkörpert die Halle den Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft und wird zum Zeugen einer für Braunschweig bedeutsamen Vergangenheit.

Es ist wie eine zweite Gründerzeit, die diese ehemaligen Industrieareale erleben. ArtMax, Büssinghof und Schimmelhof sind andere Orte in Braunschweig, in denen aus alten Industriebauten neues Leben erwächst. Sie leisten alle einen Beitrag zu einer städtischen Mischung von Wohnen und Arbeit – einer verträglichen Mischung!

Von der alten Zuckerfabrik im Süden über das Ringgleis bis zum nördlichen Abschnitt mit Schimmelhof und Panther-Werken befinden sich derartige Potentiale und verlangen eigentlich ein übergreifendes Konzept. Wir haben vor einigen Jahren hierüber mit den Studenten gearbeitet. Unter dem Oberthema Roter Ring haben sie an diesen Zusammenhängen gearbeitet – Roter Ring wegen des häufig verwendetetn Materials des Ziegels wie bei der Zuckerfabrik, wegen der politischen Bedeutung und wegen des roten Rostes, der diese früher eisenverabeitenden Betriebe heute kannzeichnet.

Diese Stadtentwicklungspotentiale müßten eigentlich in einem übergreifenden Entwicklungskonzept gesichert und ausgebaut werden. Die so bedeutsame Geschichte der Industrialisierung muß, über das denkmalpflegerische Mindestmaß hinaus, zum Teil der Ästhetik dieser Stadtgebiete werden – analog wie der Umbau der Wichmann-Hallen, nur in einem städtischen Maßstab: Geschichte als Erinnerung, als Anregung, als Vermächtnis.

Welch ein Theater! Neubau „Kleines Theater“

Bauherr: Staatshochbauamt Braunschweig 1 Architekten: Lindemann + Thamm

Wenn ich abends mit dem Fahrrad aus der Hochschule komme, so liegt ein besonderer Duft über dem Theaterwall und Magnitorwall: Eine zarte Wärme mit weichen Wellen von Parfums, schwebend im Raum wie eine Wolke. Lange Mäntel, festliche Kleider – erwartungsfrohe Menschen – angezogen von dem magisch blauen Licht, das das kleine Haus ausstrahlt – das kleine Haus, ein Leuchtfeuer zur kulturellen Neu-Orientierung Braunschweigs. Hier kommt man zusammen, hier findet sich eine neue Öffentlichkeit in den hellerleuchteten Foyers – ein wunderschöner Eindruck, über den ich mich jedesmal freue – und gleichzeitig neidisch bin, weil es heute wieder nicht gereicht hat.

Das Bauwerk kennen inzwischen alle, seine offenen Foyers, seine Treppen, seine innere Gesprächsbereitschaft. Dies ist ein besonders attraktiver öffentlicher Raum. Hier trifft sich Braunschweig, nimmt sich selber wahr, vergewissert sich seiner selbst. Die moderne, offene Sprache der Architektur leistet ihren Beitrag – gegen alles Verstaubte, Beharrende, Unverbesserliche. Welch ein Theater – es hat sich gelohnt.

Ich erinnere mich, als ich vor beinahe 10 Jahren die ersten Male in Braunschweig weilte und mich sogleich in eine Bürgerversammlung mitgenommen sah – ein Treffen im Festsaal bei Paolo, gegen das Neue – das neue kleine Haus, dessen Planung schon damals auf eine längere Geschichte zurückblicken konnte.

Und heute? Heute sind wir froh über diese Maßnahme der Stadtreparatur, der Wiederherstellung eines gepflegten, kultivierten Stadtraumes. Der Zusammenhang von Theater und Bohlweg wird sichtbar, der Bohlweg mit seinen trennenden Wirkungen wird zunehmend in Frage gestellt, der Schloßpark, lange Zeit nur ein verschämtes Grün der Stadt, wird endlich öffentlich. Es bestätigt sich die These, daß der Park von seinen Rändern entwickelt werden muß. Der Anspruch an den Park muß die Straßen überwinden! Ein Anfang ist gemacht.

Freiflächen Magnitorwall/Schlosspark

Bauherr: Staatshochbauamt Architekten: WES – Wehberg, Eppinger, Schmittke, Hamburg Brunnengestaltung: Frauke Wehberg

Wie sah das dort eigentlich vorher aus? Können sie sich diesen Ort eigentlich noch anders vorstellen? Er ist so schnell in Fleisch und Blut unserer Stadt übergegangen, daß man die frühere Situation längst vergessen hat. Ist man auf der Suche nach Orten in Braunschweig, die unsere heutige Zeit verkörpern und gleichzeitig eine wohlgestimmte Atmosphäre mit sich bringen, so ist dies ein bedeutsamer Platz. Hier führt man gerne Besucher hin, die mit ästhetischem Feingefühl das moderne Braunschweig suchen.

Der Vorplatz des Theaters ist gleichzeitig Bindeglied zum Park und zur Innenstadt. Die Platzflächen sind einladend, offen. Durch die Konzentration auf wenige Materialien und wenige Gestaltungselemente erhält der Platz eine zeitlose, gleichwohl moderne Ästthetik. Der Brunnen ist Mittelpunkt der Freiflächen, in ihm verschränken sich bildhaft Natur und Architektur. Der Brunnen strahlt Ruhe und zugleich Kraft aus. Die Verbindung der vorhandenen großkronigen Bäume mit der spiegelnden Wasserfläche, die symbolische Ergänzung von Yin und Yang zur Kreisform verleihen dem Ort eine eigene Mystik.

Das Gesamtkonzept geht weiter und umfaßt Vorschläge, wie das Theater räumlich und gestalterisch in den Park eingebunden werden kann. Diese offene und gleichzeitig ruhige, wohlgestimmte Atmosphäre ist ein gelungener Maßstab für die weitere Integration des Stadtparks in das System der innerstädtischen öffentlichen Räume.

Resteverwertung: Stadthaus Viewegstraße 26

Bauherr: Monika + Helmut Schulitz Architekt: Schulitz und Partner

Einfach abgeschnitten! Ein unbrauchbarer Rest, der bei der Operation Bahnhof übriggeblieben ist. Niemand hat sich herangetraut. Das Grundstück galt als unbebaubar. Und jetzt steht da so ein Baugerüst mit einzelnen Verkleidungen. Wann geht das denn endlich weiter? Was soll das denn eigentlich werden?

Ein herrliches Provisorium – so, als wäre es nur auf der Durchreise. Es prägt den Raum, setzt der ungehaltenen Wucht der Baumassen der Iduna-Hochhäuser einfach eine filigrane Architektur entgegen, stemmt sich gegen sie. Es faßt den Straßenraum, sichert das empfindliche, kleinteilige Wohngebiet, akzentuiert die Ecke. David und Goliath: Sie wissen, wie die Geschichte ausging.
Das Leichte ist das Starke. Durch die Struktur der Stahlkonstruktion erhält das Bauwerk einen feinen Maßstab, das gesamte Umfeld erhält einen neuen Maßstab.

Das Haus ist nicht gefällig. Peter-Josef Krahe sei dank. Nichts schlimmer als Gefälligkeiten – daran geht das Öffentliche zugrunde – und nicht nur der öffentliche Raum! Es behauptet sich und verbindet.
Und im Innern: diese offene, freundliche und produktive Atmosphäre.

Wie auch beim Theater: Diesem Gebäude gelingt eine selbstverständlich wirkende Reparatur des Stadtraums mit eigenen, zeitgemäßen Mitteln. Keine Anbiederung – und gerade deshalb eine gelungene Vermittlung der Gegensätze.

Wie sehr dieser vor Jahren abgetrennte Stadtteil doch von solcher Art Raumpflege profitiert!

Zusammenleben: Wohnanlage Leopoldstraße/Hinter Liebfrauen

Bauherr: Nibelungen-Wohnbau-GmbH
Architekten: Blume, Meißner, Riemenschneider

Dreißigtausend Bewohner sollen aus der Stadt abwandern. Das ist kein Planungsziel – obwohl manche veröffentlichte Prognosen fast als Zielvorgaben zu verstehen sind. 30 000 Einwohner, die dann vor allem mit dem Auto wieder in die Stadt möchten. Oder – vielleicht noch schlimmer, selbst das nicht mal mehr möchten. Helfen da wirklich öffentliche Verkehrsmittel? Tragen wir nicht den Leuten die Stadt hinterher – zu Lasten der Stadt? Beschleunigen wir nicht den Prozess der Ausdünnung?
Was können wir dagegen tun? Ist diese Flucht in das preiswerte Bauland außerhalb der Stadt zu stoppen? Sicher nur mit regional abgestimmten Konzepten. Aber Voraussetzung ist in jedem Fall, daß man auch bleiben kann in der Stadt – auch wenn man Kinder hat, auch wenn man älter wird.
Das heißt für mich – und deshalb insistiere ich und wiederhole auch in sieben Jahren noch die Worte Peter-Josef Krahes aus seinem e-mail: „Sichert mir den öffentlichen Raum, baut weiter an ihm, haltet ihn zusammen.“

Die Stadt ist mit ihrer Entwicklungspolitik maßgebend beteiligt. Sie setzt Rahmenbedingungen für den Wohnungsbau, für die Wirtschaft. Aber sie kann nicht überall da einspringen, wo der Markt inzwischen versagt. Das Wohnen in gemischten Alters- und Sozialgruppen ist so ein Thema.
Wenn die Familien immer kleiner werden, sich die Gesellschaft in Gruppen aufspaltet – Junge, Alte, Arme, Reiche – dann wird es sehr schwer, den Aspekt soziale Mischung, der immer Kennzeichen für eine städtische Lebenswelt gewesen ist, aufrecht zu erhalten.

Die Stadt möchte ein Zeichen setzen und das Zusammenleben unterschiedlicher Generationen zumindest baulich zu ermöglichen. Zuviele einseitige Bebauungsformen verhindern dies ja geradezu. Insofern kommt diesem Beispiel des Mehrgenerationen-Wohnens trotz der Skepsis eine große Bedeutung zu. Familien und Singles, Kinder und Ältere Menschen finden hier den Raum für Verständigung und Verständnis bis hin zur Nachbarschaftshilfe.

Städtebaulich werden hier Lücken in der Leopoldstraße geschlossen und Brachflächen bis zum Konsumverein neu organisiert. Mit diesem Raumschluß wird eine Gegend aufgeweret, die durch Brachflächen gekennzeichnet war.

Das Raumgefüge wird neu geknüpft, auch die kleine Tweete, diese praktischen und gleichzeitig anregenden Wege durch die Stadt ergänzen das System, machen die Stadt für die Fußgänger schnell. Der Innenhof ist als Gemeinschaftsfläche konzipiert. Die Architektur betont die Bedeutung der Straße als öffentlichem Raum. Einfache Materialien dominieren, Luxus kann im geförderten Wohnungsbau auch nicht auftreten. Mit dem Einwachsen des Innenbereichs werden auch die Farben der Putzfassaden zurücktreten, die momentan den Eindruck dominieren.

Gibt es nicht noch viele solcher Orte innerhalb und außerhalb der Wallanlagen? Durch eine gezielte Entwicklung solcher kleinerer und mittlerer Baumaßnahmen kann wertvoller, innenstadtnaher Wohnraum geschaffen werden – und gleichzeitig der Lebensraum Stadt verbessert werden.

Ein städtischer Glasbaustein: Mandelnstr. 6-7

Bauherr: Dr. Petra Sophia Zimmermann Architekten: KSP-Planung

Wer sich mit Entwurf und Detaillierung von Gebäuden auseinandersetzt, der weiß, wie schwierig die Reduzierung ist – hier muß jede Funktion, jedes Material auf seine Verträglichkeit mit dem Konzept, mit der Fügung im Raum bedacht sein. Was so einfach aussieht, setzt höchste Disziplin im Entwurf, in der Haltung voraus. Abstrahieren des Unwesentlichen, Herausarbeiten des Wesentlichen.

Wesentlich war den Architekten zum ersten das Weiterbauen an der Stadt, sich einzufügen, einzureihen in die aus Kriegsschäden noch offene Bauzeile, den Straßenraum schließen. Wie wohl das der Mandelnstraße tut.

Aber wer Architekten kennt, und insbesondere Michael Zimmermann, weiß, daß mit dem Einreihen kein Verschwinden in der Masse gemeint sein kann.

Er behauptet den Typus Bürohaus, nicht Wohn- und Bürohaus, um damit zu größtmöglicher Klarheit zu gelangen. Ein Kristall in der Fassung der ganz normalen Straße. Aus diesem Kontrast der Materialien, aus dem Gegensatz Mauern mit Fenster einerseits, und Transparenz und Durchsichtigkeit andererseits stellt sich das Gebäude selbst dar – oder besser seinen Inhalt. Arbeit wird wieder zum Teil des öffentlichen Raums – das Öffentliche wird Teil der Arbeit. Eine anregende Konzeption, die nicht meint, in der Abgeschirmtheit liege das Glück.

Wiederbelebung: Bahnhofsviertel Städtebauliche Sanierungen

Bauherr: Stadt Braunschweig + Anlieger Architekten: Baudezernat + diverse Architekten

Es ist nicht so, daß sich die Stadt hier selbst loben wollte. Der Vorschlag kam von anderer Seite: Nicht nur die einzelne Architektur kann der Gegenstand der Preiswürdigkeit sein, das herausragende Objekt. Wie wir von Peter-Josef Krahe wissen, lag sein Wirken vor allem im städtebaulichen Kontext, der die Raumauffassung seiner Zeit erst sichtbar machen konnte.

Also ist es erforderlich, den Blick auf städtische Zusammenhänge, auf Bauherrn und Architekten, auf Stadtplanung und Stadtverwaltung zu lenken, die in einem langfristigen Prozeß zu neuen Qualitäten gelangt sind.

Das Quartier gegenüber dem Bahnhof hat durch viele Jahre sorgfältiger und kontinuierlicher Sanierungsplanung, Förderung und viele Einzelinitiativen seinen Gesamteindruck vollständig verändert. Durch den Einschnitt der Kurt-Schuhmacher-Straße isoliert, durch den Büssingring von der anderen Seite her angegriffen hatte es lange Zeit um seine Existenz gekämpft. Es ist heute wieder ein lebendiges Stadtviertel mit gepflegten Straßen und sympatischer Erscheinung. Hier gibt es noch das Nebeneinander und Miteinander der Genarationen und unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen, die soziale Mischung, die anderenorts längst verloren gegangen ist.

Das Quartier kann als Beispiel verstanden werden, wie durch kontinuierliche Arbeit und wertbewußtem Umgang mit dem öffentlichen Raum Stadt gesichert wird. Ist es damit nicht auch ein Beispiel für Gebiete, die nicht Sanierungsgebiet sind und es eigentlich auch nicht werden sollten? Die Maßstäbe im Umgang mit dem öffentlichen Raum zumindest sollten Verbreitung finden. Das würde viele Private zu eigenen Investitionen ermutigen.

Prof. Walter Ackers Braunschweig, November 1999

(Die Anmerkungen zu den ausgezeichneten Arbeiten wurden überwiegend frei vorgetragen und erst nachträglich inhaltlich fixiert und schriftlich festgehalten. W.A.)