1. Januar 2004

Jeden Tag bauen wir an unsere Stadt. Wir alle.

Filed under: Kommunikation — Walter Ackers @ 20:00

Leitbild Innenstadt – Gutachten zur städtebaulichen Entwicklung der Braunschweiger Innenstadt

Die Stadt ist ein einzigartiger offener Roman. Wir alle schreiben mit. Wer lesen will, ist fasziniert und kann die eigene Geschichte in Straßen, Plätzen und Häusern entdecken. Zur Zeit wird um das nächste Kapitel gestritten. Ob Einkaufszone oder Shopping-Mall, Schlosspark oder Schloss: Unsere Lebensvorstellungen werden sich hier abbilden. Die jeweiligen Ideale haben immer ihren baulichen Ausdruck gefunden, wie der gemeinsame Glauben in den mittelalterlichen Kirchen, die herrschaftliche Machtfülle in den barocken Schlössern, die Bedeutung des Geldes in den Hochhäusern der Banken. Wir als Verbraucher errichten und gestalten mit unseren heutigen Wünsche die offensichtlich geliebten Einkaufscenter. Wenn wir anderes wollen, müssen wir selbst einfach anders handeln. Die Stadt bietet uns jede Möglichkeit.


Das jetzt vorgelegte Gutachten zum städtebaulichen „Leitbild Innenstadt“ ist kein Plan, sondern eine Anschauungshilfe – eine Art Inhaltsübersicht über unsere Geschichte und Gegenwart. Mit ihr können wir leichter die Stadt verstehen. Während über Jahrhunderte fünf Städte nebeneinander innerhalb der Stadtmauern existierten, so überlagern sich hier heute fünf Städte. Jede dieser fünf Stadtschichten hat ihre eigene Sprache und Anforderung. Unser Selbstverständnis und die Aufgaben unserer Stadtmitte bilden sich hierin ab.


Aber wozu die ganze Geschichte? Sankt Katharinen steht doch nur dem Verkehr im Wege! Die Mittelalterliche Großstadt hat nicht nur den Grundriss der Stadt geprägt, sondern ganz tief auch unsere inneres Bild von Stadt. Trotz aller Zerstörungen: Viele Straßen, Plätze und Einzelbauten haben den Krieg überlebt. Hätten wir Architekten der Moderne unsere Raumauffassung damals vollständig umsetzen können, wären nicht einmal die Traditionsinseln übrig geblieben. Das Problem dieses Begriffs: Er wirkt wie ein Leitbild und erlaubt außerhalb dieser Inseln ungehinderten Zugriff für alle möglichen Interessen und Absichten: hier museale Geschichte, dort nackte Funktion. Dieser Prozess geht weiter, solange wir nicht umdenken. Deshalb spreche ich gezielt vom Traditionsnetz, weil das Gefüge der mittelalterlichen Räume in den Grundzügen weiter besteht. Es liefert uns eine reiche Geschichte mit Maßstab und Proportion: für eine kommunikative und räumliche Stadt, die entdeckt werden will!


Kommen wir mit einem Schloss vorwärts in die Vergangenheit oder zurück in die Zukunft? Einzuordnen ist es jedenfalls in die Zeit der Haupt- und Residenzstadt, als die enge mittelalterliche Stadt erobert, geöffnet und modernisiert wurde. Herzog Anton Ulrich-Museum, Technische Hochschule, Theater und viele andere Kultureinrichtungen einer bürgerlichen Gesellschaft zeigen sich in baulichen Monumenten. Geometrie, axiale Ordnung und Architektur kennzeichnen auch die Wallanlagen und radialen Stadtzugänge. Dieses System von Ring und Radialen ist ein zweites Leitbild, das der Stadt hauptstädtischen Charakter und repräsentativen Ausdruck verleiht. Es liefert uns Maßstäbe für Öffentlichkeit, Orientierung und Ordnung: für eine Stadt, die nach außen ausstrahlt!


Ratsabstimmung oder Volksentscheid? Basisdemokratie haben wir doch längst: Wir stimmen täglich mit unseren Füßen ab. Fazit: Die beschworenen Fachgeschäfte sind seit den 70er Jahren auf dem Rückzug. Die „Vereinigte Kraft aller Geldbörsen“ ist offensichtlich nicht aufzuhalten. Die Einkaufs- und Handelsstadt soll deshalb die große wirtschaftliche Bedeutung und kommerzielle Ausrichtung bewusst machen. Gastronomie, Unterhaltung und Dienstleistungen sind Teil dieser Stadt. Seit dem Krieg haben sich die Schwerpunkte des Einkaufs immer wieder verlagert. Mit der Einrichtung der Fußgängerzone haben wir jedoch das Bild des Einkaufsparadieses festgeschrieben und damit fast monopolartige Privilegien für Eigentum und Spekulation  geschaffen, denen der lokale Fachhandel in kleinen Altbauten nicht standhalten konnte. Dieser findet sich deshalb heute eher am Rande und auch außerhalb des Tangentenvierecks. Dieses kleinteilige Gefüge des Einzelhandels mit vielfältigem Angebot wird gesehen als ein buntes Mosaik, das Farbe und Anregung bringt. Mehrere Magnete bilden hierin ein Spannungsdreieck mit höherer Kundenfrequenz. Das heute fast als Stadtmauer wirkende Tangentenviereck hingegen muss sich weiter als städtische Magistrale in das Stadtgefüge integrieren. Die drei Elemente des Leitbilds Mosaik, Magnete und Magistralen zielen konsequent auf ein neues innerstädtisches Gleichgewicht. Sie fordern uns heraus zu einem bewussten Handel und Wandel mit allen Kräften: für eine sich erneuernde Stadtmitte, die eine ganze Region anzieht.


Aber was passiert mit unserem schönen Paradies? Bekanntlich werden Paradiese seit Adam und Eva nicht mehr bewohnt. Dies bewahrheitet sich leider zunehmend auch in unserem Fußgängerparadies. Mit der Bürgerstadt wird die Innenstadt deshalb als unser Wohn- und Lebensraum bedeutsam herausgestellt. Das Wohnen ist zu verstehen wie der Kettfaden eines Gewebes, das dem vielfältigen städtischen Leben Halt gibt. Wenn sich das Wohnen auf wenige Inseln zurückzieht, verliert die Stadt ihre Stabilität, Sicherheit und Lebendigkeit. Deshalb wird mit dem Leitbild Tragendes Gewebe das Wohnen mit den zugehörigen Einrichtungen zur unverzichtbaren Grundsubstanz der Innenstadt gemacht. Aus diesem Leitbild folgt die Aufgabe, dem Wohnen in Straßen und Plätzen Schutz, Raum und Gestalt zu geben: für eine wohnliche Stadt, in der sich die Menschen sicher und wohlfühlen!


Und der Schlosspark? Wenn wir schon zwangsläufig eine grüne Oase verlieren, dann bitte unbedingt auch die umgebende Wüste! Die Grüne Stadt verkörpert unseren Anspruch nach Nähe der Natur, Ausgleich und Ästhetik. Innerhalb der Innenstadt sind nach der Bebauung des Schlossparks keine größeren Parkanlagen gegeben. Umso bedeutsamer wird nicht nur hier die sorgfältige Ausbildung kultivierter Plätze und Straßen. Einzelbäume oder kleinere Baumgruppen mit Bänken müssen in der gesamten Innenstadt  Ruheinseln und Rückzugsräume bieten. Sie vermitteln allen Besuchern den Anspruch der Gastlichkeit und Offenheit. Die Wallanlagen bleiben jedoch das tragende System, das der Stadt prägnante Form und eigene Atmosphäre verleiht. Die größeren und kleineren Parks, Alleen und privaten Gärten bieten eine besondere Qualität, die zu schützen und auszubauen ist. Mit dem Leitbild Grüner Stern wird der barocke sternförmige Okerumlauf und die geometrische Ordnung der Wallanlagen bewusst gehalten: für eine ästhetische und sinnliche Stadt, voller anregender Gegensätze und Eigenheiten!


Fünf Städte, aus denen wir eine Stadt machen müssen. Jedes mal, wenn ein Bauvorhaben ansteht, wenn die Kanalisation oder Straßendecke erneuert wird, haben wir die Chance zur Gestaltung, Wir müssen nur entscheiden, welche Rollen sich jeweils im Raume abbilden sollen. Wir können natürlich alle beim Alten lassen und weiterhin darauf vertrauen, dass die fünfte Planungsrichtlinie in Verbindung mit der Durchführungsverordnung von 1953 und den jüngsten Förderungsbestimmungen eine ordentliche Stadt ergeben. Aber die sieht dann vielleicht so aus wie die Georg-Eckert-Straße heute.


Damit sagen wir aber auch, dass uns einzelne Interessen und isolierte Funktionen wichtiger sind als ein lebendige Stadt, die ihre Rolle im Lande selbstbewusst übernimmt und auch darstellt. Wenn wir dies nicht tun, werden wir eben auch nichts darstellen!


© Prof. Walter Ackers, Braunschweig  2004