Philosophie


Städte sind immer einzigartige Persönlichkeiten.

Diese Erfahrung aus fast vierzig Jahren Arbeit Städtebau prägt unser Verständnis. Und bei jeder unbekannten Aufgabe entdecken wir dies aufs Neue. Eine Geschichte, die meist vor Jahrhunderten begonnen hat und sich wie ein Roman lesen lässt. Eine Erscheinung, die auf eigene Lebensweise schließen lässt. Eine Gegenwart voller Energie oder Phlegma, voller Liebenswertem  und Verdrängtem. Ein Selbstbewusstsein, das sich aus all dem aufbaut.

Deshalb steht zu Beginn einer Aufgabe immer eine offene und unbefangene Annäherung mit allen Sinnen – zu Fuß, mit dem Rad und mit dem Auto. Hinhören. Hinsehen. Einfühlen. Selbst den Geschmack der Stadt und der Region möchten wir verinnerlichen. Erste Begegnungen, Kontakte, Gespräche am Rande ergänzen unsere Annäherung. Eher intuitiv entsteht so eine Sammlung subjektiver Eindrücke, die meist fotografisch zu einem ersten Portrait der Stadt führen. Im Dialog hierüber erfahren wir, was die Bürger an ihrer Stadt lieben, welche Eigenarten und Schönheiten sie schätzen. Auf dieser Grundlage baut sich gegenseitiges Verständnis auf.


Die Landschaft ist das Gesetz.

Städte ohne umgebende Landschaft sind für uns undenkbar. So gilt für uns schon immer der Satz, den Walter Rossow, Landschaftsplaner und Professor in Stuttgart, seiner Publikation in 60er Jahren voranstellte: „Die Landschaft muss das Gesetz werden“.

Damals als sein junger Student wusste ich noch nicht, wie bedeutend diese Forderung einmal werden würde – und wie mühselig diese in den folgenden Jahrzehnten umzusetzen sein würde. Doch auch wenn heute die Übergänge fließend sind, so bildet die Landschaft mit ihrer geologischen Formation und Topographie weiterhin die natürliche Grundlage. Ihr Charakter, ihre Zusammenhänge und Potentiale sind immer Ausgangspunkt und Basis unserer Planung. Ökologie ist hierbei ein funktionaler Aspekt, der in Einklang zu bringen ist mit menschlichen Ansprüchen – von der Landwirtschaft über Naherholung bis zum Landschaftsbild. Denkbar für uns ist nur eine Entwicklung, die sich mit dem Charakter der Landschaft auseinandersetzt, die natürlichen Grundlagen respektiert aber gleichzeitig den Charakter von Stadt und Landschaft unterstützt.


Der Stadtgrundriss ist wie ein genetischer Code.

Die Aufteilung der Stadt in Landschaft und bebaute Gebiete, in Straßen, Plätze und bauliche Strukturen prägt den Charakter der Stadt nachhaltig. Eigenarten und Fähigkeiten sind hierin eingeschrieben. Geschichte und Gebrauch lassen sich darin ablesen und setzen gleichzeitig der Zukunft einen Rahmen.

In dieser Form liegt immer eine Logik. Deshalb ist uns die Morphologie der Stadt, ihre Formensprache, so wichtig. Alles Planen und Bauen sollte sich aus den städtischen Strukturen und Formen entwickeln und sie sinnvoll weiterführen.

Aus systematischer Analyse historischer Entwicklung, räumlicher Ordnung und funktionaler Organisation des Stadtgrundrisses werden die inneren Beziehungen der Stadt deutlich. Zur Dokumentation und Visualisierung setzen wir auch hier die Fotografie ein. Vor allem durch Schrägluftbilder aus niedrigerer Flughöhe gewinnen wir rationale Bilder, aus denen Stadtstrukturen auch für den Laien ebenso erkennbar werden wie stadt- und landschaftsräumliche Qualitäten.


Der öffentliche Raum ist gebaute Umgangsform.

Wir alle lieben Städte mit unverwechselbarem Gesicht, mit Stadträumen und Atmosphären, die uns offen empfangen. Schöne Plätze und gepflegte Straßen ziehen geradezu magisch an, vor allem, wenn diese sich mit typischem Leben füllen. In derart angenehmer Stimmung fühlen wir uns wohl.

Das öffentliche Leben fasziniert, nicht das Design der Objekte und Oberflächen. Dennoch braucht das Leben eine Form, in dem es sich entfalten kann. Ohne Form wird es keinen Inhalt geben – und ohne Inhalt keine sinnvolle Form. Der öffentliche gebaute Raum und seine Gestaltung sind nicht im Sinne eines modischen Aussehens bedeutsam, sondern wegen der Umgangsformen miteinander, die darin ermöglicht werden. Der städtische Raum ist „gebaute Umgangsform“ für den täglichen Gebrauch. Letztlich gestalten wir nicht Dinge, sondern die Beziehungen untereinander. Aus diesem Verständnis ist uns die räumliche und gestalterische Integration der verschiedenen Verkehrsarten wichtig, das friedliche Miteinander auf Straßen und Plätzen. Das Prinzip der Rücksichtnahme ist hierbei wichtigste Voraussetzung. Erst wenn die Verhältnisse mit dem Raum „abgestimmt“ erscheinen, kann sich diese „Stimmung“ positiv auf unser Verhalten auswirken. Erst dann können wir anderen offen begegnen und uns frei und ungezwungen bewegen. Nichts erscheint uns so selbstverständlich wie diese Freiheit. Dieses Prinzip der Mischung und Öffentlichkeit ist größte kulturelle Errungenschaft und Grundlage aller städtischen Kultur. Das städtische Leben bevorzugt Räume, in denen vielfältiger Gebrauch und reiche Geschichte ihre ästhetische Form gefunden haben.


Stadt ist lebendiger Prozess

Eine Stadt ohne innere Bewegung findet keine Zukunft. Aber ständige Veränderung ohne Bewahren und Erinnern verliert sich im Nichts.

Die Stadt ist kein Zustand oder Gegenstand. Um ihre Qualitäten zu behalten, muss sie sich verändern. Stadt ist eine Lebensform und deshalb in ständigem Prozess des Werdens. Dieser Entwicklungsprozess bewegt sich letztlich immer zwischen Begriffen von Tradition und Moderne, der Abwägung von Werten und Wandel, zwischen den Polen Identität und Innovation. Erhalten, Schützen, Bewahren – oder Erneuern, Verändern, Überformen?

Identität der Städte schöpft sich aus der Geschichte ebenso wie aus der Gegenwart mit den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zusammenhängen. Die Eigenarten der einzelnen Städte, Orte und Viertel sind Maßstab für die Entwicklung. Grundlage ist hierbei immer der Zusammenhang von gebauter Stadt in allen Formen, von Kultur, Landschaft und Natur.

Innovation ist unmittelbar verknüpft mit wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Kräften, die auf Veränderung drängen und denen (Entwicklungs-)Raum gegeben sein muss. Sie sind Träger aller Entwicklung, aus ihnen leiten sich die Handlungsschwerpunkte ab, die durch Entwicklungsziele ausgedrückt werden müssen.

Jede Art der Gestaltung und Stadtentwicklung bedingt eine qualifizierte Form der Verständigung über die Ziele und Wege in die Zukunft. Die Gestaltung der Kommunikation durch einen systematischen Planungs- und Beteiligungsprozess ist hierzu unerlässlich. Damit werden die wichtigsten Akteure eingebunden. Politisch Verantwortliche lenken den Gesamtprozess, der durch fachliche Kompetenz v.a. der Verwaltung fundiert und durch Akteure aus Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur angeregt wird. Das abgestimmte Ineinandergreifen von Information, Beratung, Planung und Beteiligung bis zu formellen Beschlüssen muss von allen als verbindlicher Rahmen verstanden werden.


Arbeitsansatz Morphologie: Struktur und Form als Sprache

In der Morphologie, der Sprache der Formen, liegt das wichtigste Potential der Entwicklung. Form ist kein Selbstzweck. Eine überzeugende Form verlangt Sinnhaftigkeit. Nicht das Objekt ist uns wichtig, sondern die Lebensqualität, die durch die Gestalt ermöglicht wird, die Bedeutung, die diese vermittelt, die Freiheit, die sie eröffnet – aber auch die Grenzen, die sie unseren Ansprüchen setzt.

Die Wichtigkeit von Form und Formfindung ist mir im Laufe der Jahre immer bewusster geworden. Eine allgemeine Verständlichkeit scheint mir hierfür unverzichtbar. Unser Ausgangspunkt ist deshalb die gesprochene Sprache mit ihren Begriffen. Ob Dorf, städtisches Wohnviertel oder Innenstadt, ob Platz, Park, Passage oder Straße – mit dem gesamten Vokabular verbinden wir immer räumliche Gestalt zusammen mit ihren Gebrauchseigenschaften und ihrer sozialen Qualität. In baulichen und räumlichen Strukturen sind Erfahrungen von Generationen verdichtet und zu typologischen Formen herangewachsen. Hierin liegt ein städtisches Erbe, das gepflegt sein will

In dieser Konvention der „Umgangsprache“ ist auch die Konvention unserer „Umgangsform“ aufgehoben – unser gemeinsames Kulturverständnis. Deshalb setzen unsere Analysen, Planungen und Gestaltung erst einmal an diesen umfassenden Begriffen an und nicht an isolierten Funktionen, mit denen letztlich nur technische Systeme und Betriebsabläufe vorgedacht werden können.

Morphologische Stadtanalyse ist in diesem Sinne Sprachanalyse, und Planung heißt für uns Begriffsentwicklung –  im gesamtstädtischen Entwicklungskonzept, im Entwurf eines Quartiers oder in der Gestaltung öffentlicher Räume. In dieser Philosophie verbirgt sich ein grundsätzlich integratives Denken: Der Raum mit seiner Gestalt ist das Maß, in dem sich das tägliche Leben organisiert und in den sich unsere Lebensanforderungen einfügen müssen. Der Begriff des „Schönen“ erhält damit eine wesentliche Basis: Die „Ästhetik“ sollte authentisch über unsere Lebensweise Auskunft geben, und ob unsere Wünsche und so genannten Bedürfnisse letztlich „maßvoll“ sind. Oder ob sie uns vielleicht nur die Sprache verschlagen.


Fünf Dimensionen: Ort / Weg / Raum / Zeit / Leben

Städtebau ist Kunst. Er arbeitet an der Wahrnehmung und Ästhetik. Stadtbaukunst. Aber diese Kunst ist wohl die schwierigste überhaupt. Denn sie ist mit dem verbreiteten Kunstbegriff und Künstlertum nicht zu realisieren. Der einzelne Ort lässt sich architektonisch bauen, der einzelne Weg gestalten. Auch der physische Raum der Stadt lässt sich als Konstruktion denken. Doch die Zeit als vierte Dimension bereitet bereits große Probleme. Da kommen wir heute kaum über die wirtschaftliche Abschreibungsdauer hinaus, trotz aller Beschwörung der Nachhaltigkeit. Doch die eigentlich entscheidende fünfte Dimension ist für uns das alltägliche Leben. Erst wenn der städtische Raum durch ein Miteinander durchdrungen wird, wenn die gelebten Beziehungen und Erinnerungen wichtiger werden als die Gestaltungsabsicht, dann spüren wir die fünfte, die soziale Dimension. In diesem Sinne sind die meisten selbst gebauten Armensiedlungen in den Metropolen dieser Welt viel reicher als die perfekten Idealstädte des Investments: Sie sind vom Leben gezeichnet und nicht vom Designer.

Die Kunst des Städtebaus liegt wohl also darin, das Leben selbst zeichnen zu lassen. Das ist nicht einfach. Man muss alle Sehen und Zeichnen lehren.


Kommunikation im Spannungsfeld von Identität und Innovation
(noch in Bearbeitung)

Dieses Kapitel beschreibt unseren methodischen Ansatz und die Notwendigkeit sorgfältig abgestimmter Planungsprozesse. Diese sind Voraussetzung für jede Art erfolgreicher Bürgerbeteiligung als Grundlage der politischen Entscheidung.